Ein Zwischenruf zu … : …lebenslanger Treue

Ursula Weidenfeld misst Beschäftigungsgarantien vor allem symbolischen Wert zu. Warum macht die Arbeitnehmerlobby das mit?

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Man möchte schon gerne wissen, warum Unternehmen und Gewerkschaften heute unbefristete Beschäftigungsgarantien vereinbaren. Eigentlich ist das gar nicht mehr nötig, In diesem und im kommenden Jahr braucht man die Kontrakte, wie sie zum Beispiel Siemens und die IG Metall abgeschlossen haben, nicht – noch läuft die Konjunktur glänzend, es sollte also mit der Beschäftigung kein Problem geben. Wenn es zudem stimmt, dass die Unternehmen im Westen schon wieder unter Facharbeitermangel ächzen, dass in ein paar Jahren jeder halbwegs praktisch Begabte einen gut bezahlten Job finden kann, kann man zwar gut verstehen, warum die Firmen sich mit allerlei Zusagen in Szene setzen wollen. Aber warum macht die Arbeitnehmerlobby das mit?

Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Sicherheit. Je brüchiger die großen Gesellschaftsverträge werden, je weniger verlässlich die Rahmenvereinbarungen erscheinen – Rente, Hartz IV, Gesundheit, Atomausstieg – , desto wichtiger werden die kleinen Sicherheiten: Selbst wenn Siemens-Facharbeiter tatsächlich darauf setzen könnten, dass sie schnell einen neuen Arbeitgeber finden, wollen sie doch wissen, dass im Zweifel sie es sind, die die Wahl haben. Sie möchten zumindest den Eindruck haben, dass zwischen ihnen und der Globalisierung ein schützender Vertrag steht.

Niemand nimmt im Ernst an, dass Beschäftigungsgarantien einen dauerhaften Wert haben, wenn es der Firma doch wieder schlechter geht. Wenn die Aufträge einbrechen oder ganze Geschäftsfelder zugrunde gehen, werden die Arbeitnehmer wieder bereit sein müssen, Abstriche bei Gehalt, Arbeitszeit und Kündigungsschutz hinzunehmen. Doch ist der Symbolwert einer Beschäftigungsgarantie in der Gegenwart groß genug, um auch das Ewigkeitsversprechen gerne zu glauben.

Unternehmer und Beschäftigte, die einen Pakt auf alle Zeit schließen, gebärden sich wie Brautleute, die sich Treue bis zum Tod versprechen. Sie wissen, dass jede dritte Ehe scheitert. Doch sie sind sicher, dass sie selbst es besser machen werden. So ist es auch bei den Beschäftigungsverträgen der neuen Art. Gewerkschaften und Unternehmer dokumentieren den Willen, es künftig besser zu machen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn es gut läuft, werden sie dieselbe Erfolgsquote haben.

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