Ein Zwischenruf zu… : … Margot Käßmann

Ursula Weidenfeld über Frauen und ihre stärkeren Schuldgefühle

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Es war die Woche der Margot Käßmann: Sündenfall, Beichte, Absolution. Nach ihrer Alkoholfahrt am späten Samstagabend der vergangenen Woche ist die zurückgetretene Bischöfin beliebter als je zuvor. Weil sie gezeigt hat, dass auch Geistliche nur Menschen sind? Weil sie die Konsequenzen aus ihrem Fehlverhalten gezogen hat? Oder, weil sie das Opfer einer männlichen Umwelt geworden ist, die die erste Frau im Spitzenamt der evangelischen Kirche nach nur vier Monaten wieder abgestoßen hat?

Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer sagt, Frau Käßmann habe zurücktreten müssen, weil sie eine Frau ist. Ein Mann, so sagt Schwarzer, hätte das nicht getan. Doch Frau Käßmann musste ihren Platz nicht räumen, weil sie eine Frau ist. Sie ist gegangen, weil sie eine Bischöfin war. Auch ein Mann hätte sich auf dem Posten nicht halten können. Er hätte vielleicht etwas länger gebraucht, um das zu erkennen. Die Kirchen beanspruchen nun einmal in Deutschland die Rolle, eine moralische Instanz zu sein. Wer Moral predigt, muss sich auch an den eigenen Maßstäben messen lassen. Das gilt für die evangelische Kirche und für die katholische, die wegen des Missbrauchs von Kindern in einer viel bedrückenderen Situation ist, gilt es auch.

Anders als in den Vereinigten Staaten ist die Zustimmung zu den Religionsgemeinschaften in Deutschland brüchig geworden. Können in den USA religiöse Führer die abenteuerlichsten Verfehlungen im Amt überstehen, wenn sie sich nur tränenreich und reuig an ihre Gemeinde wenden, geht das in Deutschland so einfach nicht. Hier steht das Fragezeichen vor dem Credo, nicht dahinter. Man bekennt sich nicht vorbehaltlos zur Kirche, man will immer wieder überzeugt werden.

Frau Käßmann hat es jedenfalls in dieser Affäre nicht geschadet, dass sie eine Frau ist. Es hat ihr genutzt und es wird ihr weiter nutzen. Frauen haben, so haben es spanische Neurowissenschaftlicher kürzlich nachgewiesen, viel mehr und viel stärkere Schuldgefühle als Männer. Ethische Normen sind ihnen präsenter als Männern und fließen selbstverständlicher in Alltagsentscheidungen ein. Das mag Frau Käßmann geholfen haben, schnell zu handeln. Die unmittelbare Entscheidung aber hat zu dem geführt, was ihr nun nutzt: Sie genießt trotz ihres wirklich idiotischen Verhaltens den Respekt der Öffentlichkeit und der eigenen Kirche. Über kurz oder lang wird ihr das auch helfen, wieder ein öffentliches Amt zu bekommen.

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