Ein Zwischenruf zu… : …Norwegen

Barbara John

Wären Norweger vor drei Wochen gefragt worden, ob sie ein apokalyptisches Verbrechen, wie es wenig später in ihrem Land geschah, für möglich hielten, wäre die Antwort sicher ein entschiedenes „nie und nimmer“ gewesen. Wer hätte das anders gesehen? Hat Norwegen nicht den Ruf einer Bilderbuch-Gesellschaft? Und ist dieser Ruf nicht objektiv gerechtfertigt, schließlich finden sich die Vorzüge in einer UN-Statistik wieder, nachzulesen im jährlichen Bericht der Organisation UNDP (United Nations Development Programme). Darin werden Wohlstandskriterien aus rund 140 Ländern verglichen. Der Gewinner ist seit Jahren Norwegen. Es ist die Nummer eins, was Lebensqualität, Freiheit, Bildungschancen, Gesundheit, Sicherheit angeht. Deutschland nimmt nur Rang zehn ein, hinter Schweden und vor Japan. Nirgendwo also schien das Leben verheißungsvoller, gesünder und sicherer zu sein. Musste da nicht die Überzeugung wachsen, es würde immer so weitergehen? Freiheit, Wohlstand und offener wohlwollender Umgang aller miteinander waren so selbstverständlich geworden, dass niemand sie ernsthaft infrage stellte oder als gefährdet ansah. Genau darin liegt wohl eine der großen Gefahren demokratischer Wohlstandsstaaten; dazu gehören viele in der westlichen Welt. Wir können und wir wollen uns nicht vorstellen, dass in unseren zivilisierten Ländern Mitmenschen vulkanhaft zu Tötungsmaschinen mutieren können, mit Ausnahme bestimmter Gruppen. Doch die norwegische Tragödie hat auch einmal mehr sichtbar gemacht: Die entscheidende Trennlinie zwischen Menschen verläuft zwischen Friedfertigen und Gewalttätigen, nicht zwischen Christen, Muslimen oder Humanisten. Noch fällt es vielen schwer, diese banale Tatsache anzuerkennen, denn unser kollektives und subjektives Gedächtnis ist noch gefüllt mit Warnbildern vom gefährlich anderen, die nicht nur aus stammesgeschichtlichen Zeiten stammen. Das erklärt, weshalb die erste öffentliche Schuldvermutung islamistischen Kreisen galt.

Und nun? So weitermachen wie bisher, auf die Vernunft und das Gute im Menschen setzen und an die Herrschaft des Gesetzes glauben? Gewiss, aber das reicht nicht, denn der Kampf um den Respekt vor dem Menschenleben ist längst nicht zu Ende. Alte Fragen tauchen auf, die nicht nur in Norwegen gestellt werden, wie etwa: Hat die Freiheit, sich menschenfeindlich zu äußern oder eine Waffe zu besitzen, den gleichen Rang wie das Recht auf Leben? Müssen wir neue Grenzen ziehen?

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