Ein Zwischenruf zu … : … Stalin

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Es sind die ganz alten Reflexe, die bei der Linken in der Führungskrise den Weg weisen. Kritik und Selbstkritik, Denunziation, Verleumdung, Schauprozess, Säuberung. Der ganze Instrumentenkasten des Stalinismus kam bei der Partei Oskar Lafontaines und Gregor Gysis in den vergangenen Wochen zum Einsatz. Einen Führungs- und Richtungsstreit offen auszutragen, mit Kampfabstimmungen und außerordentlichen Parteitagen? Warum denn, wenn es auch anders geht? Die Linke hat, sooft sie in der Vergangenheit das Gegenteil von sich behauptete, den Weg in die Demokratie noch nicht gefunden.

Seit der Gründung der gemeinsamen Partei aus PDS und WASG im Jahr 2007 haben Linkspolitiker immer wieder versucht, diese Traditionslinie zu kappen. Der Stalinismus sei die „Deformation des Sozialismus im Widerspruch zwischen Idee und Praxis“ gewesen, sagte der Ehrenvorsitzende der Partei Hans Modrow. Der Vorsitzende der Europäischen Linken, Lothar Bisky, sah es sogar im Genom der Linken verankert, dass „wir unwiderruflich mit dem Stalinismus als System gebrochen haben“. Die Sehnsucht nach dem guten Menschen, der den guten Sozialismus in einer guten sozialistischen Partei zum Besten aller hervorbringt, hat sich in der Realität nie erfüllt.

Josef Stalin hat in der sibirischen Verbannung im Jahr 1915 gesagt: „Mein größtes Vergnügen ist es, mir ein Opfer auszuwählen, meine Pläne detailliert vorzubereiten, unversöhnliche Rachegefühle zu stillen und dann ins Bett zu gehen.“ Lafontaine ist nicht Stalin. Aber ein paar Parallelen drängen sich schon auf. Lafontaine, der sich krank ins Saarland zurückgezogen hat, mag sich bei aller Unvergleichlichkeit, was den Komfort und die Kommunikationsmöglichkeiten seiner Lage angeht, ähnlich abgenabelt vom politischen Geschehen fühlen wie der junge Stalin, der fürchten musste, bei den Bolschewiken in Vergessenheit zu geraten. Die Methoden, in einer solchen Situation politisch zu handeln, sind dieselben geblieben.

Stalin hat in der Isolation aufmerksam Machiavellis „Der Fürst“ gelesen. Darin heißt es: „Es ist zwar lobenswert, sein Wort zu halten, aber die Oberhand gewinnt, wer wenig von der Treue hält und mit Verschlagenheit die Köpfe der Menschen verdreht.“ Der Zweck heiligt die Mittel. Stalin hat darin die Rechtfertigung seines eigenen politischen Stils, der zuvor auch unter den eigenen Leuten als anrüchig und barbarisch galt, gefunden. Bei den Linken scheint es genauso zu sein. Ihr Problem heißt nicht Stalin. Ihr Problem ist die Demokratie. Immer noch.

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