Ein Zwischenruf zu … : ... Thilo Sarrazin

Barbara John über einen Aufschrei.

Barbara John

Was wäre im Ziegenstall los, würde ein sattgefressener Wolf die Geißen mit seinem Besuch überraschen? Würden die Böcke nicht ihre Hörner senken und zum Angriff rüsten, auch nachdem der Wolf versichert, er käme nur vorbei, um ihr Alltagsleben kennenzulernen? Außerdem seien Wölfe nicht fressgierig, sondern übten nur Artenschutz, indem sie die Schwachen angreifen, die ohnehin für das Ganze nur eine Last seien. Das alles sei in Brehms Tierleben nachzulesen.

Um gleich gewollten Unterstellungen vorzubeugen: Kreuzberg ist kein Ziegenstall, Herrn Sarrazin kein Raubtier und die aufgebrachten türkischen Berliner haben nichts mit Böcken zu tun. Ebenso wenig ist der Kreuzberg-Spaziergang des Politik-Pensionärs und Bestsellerautors, der unter Raus-Rufen vorschnell endete, kein Märchen. Leider.

Mich stören aber die märchenhaft-weltfremden Reaktionen zum Ausgang des missglückten Flanierversuchs. Eigentlich konnte doch nur ein Depp erwarten, dass die sprichwörtliche türkische Gastfreundschaft stärker ist als der angestaute Zorn und die Empörung der türkisch-muslimischen Gruppe, die von Sarrazin pauschal geschmäht und dämonisiert wurde. O-Ton Sarrazin: „Die fünfte Grundlast in Deutschland besteht aus der Zunahme von Menschen mit muslimischem Hintergrund; 70 Prozent der türkischen Gruppe produzieren ständig neue Kopftuchmädchen.“ Zumal das Zusammentreffen im öffentlichen Raum stattfand.

Ist es nicht wahrscheinlicher, dass Quoten- und Profilstrategen die Provokation absichtsvoll inszeniert haben? Nun heißt es sinngemäß aus der „Aspekte“-Redaktion: Ein Kontakt sollte her zu den Menschen, um die es geht, wenn man (wie Sarrazin) über gescheiterte Integration spricht.

Aber wie reagieren normalerweise Menschen, die monatelang unter medialem Trommelfeuer als Gefährdung für Deutschlands Zukunft angeschwärzt wurden, wenn ein Jahr später der Anschwärzer selbst auftaucht und nachfragen will, wie das bei ihnen wohl so angekommen ist und wie türkisches Leben überhaupt aussieht? Die einzig normale und ehrliche Reaktion konnte nur sein: Verachtung, Ablehnung, Wut im Bauch. Wer ihnen dann noch vorwirft, sie hätten das Buch gar nicht gelesen und sollten sich mal mit Voltaire beschäftigen, drischt gefühllose Polit-Phrasen.

Sarrazin hat Wind gesät. Sturm hat er dennoch nicht geerntet (bis auf das aufgeblähte Tantiemen-Konto). Was er in Kreuzberg zu hören bekam, war ein Aufschrei von Menschen, die fühlen und empfinden. Was ist daran undemokratisch und intolerant?

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