Ein Zwischenruf zu ... : … vorlauten Türken

Barbara John über türkischstämmige Einwanderer und den Völkermord an den Armeniern.

Barbara John

Ginge es nach dem Willen der Türkischen Gemeinde Deutschland (TGD), der bekanntesten Interessenvertretung türkischstämmiger Einwanderer, dann würde das Lepsius-Haus in Potsdam nicht vor dem Verfall gerettet und schon gar nicht zu einer Gedenkstätte ausgebaut. In einem Brief an die Bundesregierung protestierte der Vorsitzende nach eigenen Angaben bei der Bundesregierung gegen die in Aussicht gestellten Bundesmittel zur Sanierung.

Was erregt den deutsch-türkischen Verein so, dass er sich anklagend einschaltet, wenn das Haus des 1926 verstorbenen Johannes Lepsius saniert werden soll, damit, neben Arbeiten im Archiv, dort künftig internationale, auch türkisch-armenische Begegnungen stattfinden können? Nun, Pfarrer Lepsius, Forscher, Missionar und Historiker, dokumentierte den Völkermord an den Armeniern in der Türkei 1915/1916. Er war derjenige, der über die Massaker das meiste wusste zur damaligen Zeit. Ihm verdanken wir auch diskrete Fingerzeige zu einer deutschen Mitschuld durch bewusstes Wegsehen.

Es ist ungut, dass die Türkische Gemeinde sich so unverhohlen zum Lautsprecher türkischer Regierungsstellen macht. Das passiert zwar nicht zum ersten Mal, aber diesmal geht es um einen Grundsatz, der in Deutschland nicht Spielball sein darf für platte Interessenpolitik. Die eigene Geschichte hat uns gelehrt, politische Verbrechen, auch wenn sie zwei oder mehr Generationen zurückliegen, im kollektiven Gedächtnis zu speichern, unlöschbar. Schuld und Scham wachzuhalten, ist ohnehin wenig, aber es kann Mitleiden ausdrücken. Das ist wichtig für die Überlebenden und für das Denken an die Opfer.

All das wissen die Verbandsfunktionäre der TGD, denn sie haben an öffentlichen Gedenkveranstaltungen teilgenommen. Aber haben sie den Sinn verstanden? Ich bezweifle es. Wie sonst könnten sie immer wieder versuchen, ihre anhaltend türkischgeprägte Sicht in Deutschland zum Maßstab zu machen, wenn es um die Geschichte der Armenier geht?

Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk wurde politisch bedrängt, weil er den Völkermord beim Namen nannte; Hrant Dink, der türkisch-armenische Journalist wurde dafür 2007 in der Türkei ermordet. Die Türkische Gemeinde in Deutschland hätte außer einem Rüffel von türkischer Seite nichts zu fürchten, wenn sie einfach nur schwiege in Sachen Lepsius-Haus und Erwähnung des Massakers in Brandenburgischen Schulbüchern. Das wäre ein erster winziger Schritt in Richtung einer europäischen Erinnerungskultur.

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