Ein Zwischenruf zum … : …Antienergiereflex

Ursula Weidenfeld über alte Atomkraftwerke, alte Umweltsorgen und eine neue deutsche Bewegung.

Ursula Weidenfeld

Nach dem vorerst letzten Unfall im Kernkraftwerk Krümmel in der vergangenen Woche sagen viele Menschen, Atomkraftwerke seien nicht beherrschbar und schädlich. Vielleicht haben sie mit dieser Einschätzung recht. Neue Kohlekraftwerke wollen sie aber auch nicht bauen. Die Abgase belasteten schließlich die Umwelt. Auch Gaskraftwerke seien auf endliche Ressourcen gestützt und deshalb abzulehnen.

Aus der einstigen Antiatombewegung ist mittlerweile eine breite Antienergiebewegung geworden. Für das Land, seine Wirtschaft und seine Energiesicherheit ist diese neue Haltung mindestens ebenso relevant – auch wenn ihr das politische Temperament und die Kraft der Generation Akw-nein-Danke fehlen. Die Energieskeptiker wollen zwar, dass der Strom weiter aus der Steckdose kommt. Aber sie wollen auch, dass er ihre Umwelt nicht beeinträchtigt. Deshalb verhindern sie nahezu jede Investition in neue Energienetze, in neue Kraftwerke, in Innovationen. Selbst Windkraft ist in Verruf geraten. Die großen Offshore-Anlagen würden Vögel und Wale irritieren. Die nötigen Einspeisepunkte für Windenergie aus Großanlagen will ohnehin niemand in seiner Nähe haben.

Die Große Koalition reagiert alarmiert auf den neuen deutschen Antienergiereflex. Sie traute sich nicht einmal mehr, den unverdächtigen Gesetzentwurf zur Einlagerung von Kohlendioxid im Boden zu verabschieden. Das wäre eine Technik, die – sofern ausgereift – Kohlekraftwerke umweltfreundlicher machen würde. Das Kohlendioxid, das beim Verbrennen entsteht, würde nicht in die Luft freigesetzt, sondern unterirdisch gelagert und versiegelt. Ein Vorhaben, dessen einziges Risiko darin besteht, dass es technisch nicht richtig funktioniert. Dennoch gab es auch hier Widerstand, die Koalition knickte ein. Das entsprechende Gesetz soll es nun frühestens nach der Bundestagswahl geben.

Zwar ist in diesem Jahr der Stromverbrauch zum ersten Mal seit 1993 gesunken. Doch das geht allein auf das Konto der Rezession. Wenn weniger produziert wird, wird weniger Energie verbraucht. Die Privathaushalte dagegen sparen kaum. Sie aber wehren sich am deutlichsten gegen jede Investition in neue Kapazitäten. Das ist absurd – zumal Deutschland seine Kimaschutzziele nur erreichen kann, wenn der Kraftwerksbestand in den kommenden Jahren grundlegend erneuert wird. Und wenn die bestehenden Atomkraftwerke weiterlaufen, solange sie sicher sind.

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