Ein Zwischenruf zum Friedensnobelpreis : Für ein Dings ohne Adresse

Unsere Autorin überlegt, wer wohl für die EU den Friedensnobelpreis entgegen nehmen wir - und was mögliche Szenarien über die EU sagen.

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Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

So so, nun also die EU. Friedensnobelpreisträger 2012. Was für eine Auszeichnung für einen Kontinent im Augenblick seiner tiefsten Verunsicherung. Großartig. Aber wer bekommt den Preis eigentlich? Die Altvorderen, die Europa gewagt haben? Die aktuellen politischen Verantwortungsträger, die versuchen, es zu bewahren? Werden wir am 10. Dezember in Oslo sehen, wie sich 26 Staats- und Regierungschefs auf der Preisträgerbühne um die vorderen Plätze balgen (nur der britische Regierungschef David Cameron stolpert verlegen hinterher)? Dann würde die Vielfalt der europäischen Einheit prämiert. Wird es der zypriotische Regierungschef als amtierender EU-Vorsitzender sein, der nach vorne treten darf, um die friedensstiftende Trophäe nach Hause zu tragen? Zypern? Das Land in Europa, das immer noch deshalb geteilt ist, weil sich Türken und Griechen nicht einigen können, wohin die Insel gehört?

Wird gar der unbekannte Ratspräsident Herman Van Rompuy dezent seine Kontonummer für das Preisgeld rüberreichen? Damit könnte Europa beweisen, dass es in der Institutionenbildung voranschreitet. Oder Manuel Barroso, der EU-Kommissar, dem keine Angelegenheit zu klein ist, um daraus nicht noch eine Richtlinie zu schnitzen? Dann wäre das Europa der Bürokraten stolz. Oder darf am Ende vielleicht doch ein Deutscher – Martin Schulz, der Präsident des EU-Parlaments? Europa als Wiege und Wahrer der Demokratie könnte er in seiner Dankesrede preisen. Will Europa die Griechen überhaupt mitnehmen zum Preisträgerball? Dürfen die Engländer mitfeiern, die offen mit ihrer Distanz zum europäischen Projekt kokettieren? Sollen die Ungarn ein Siebenundzwanzigstel des Preisgeldes bekommen, obwohl sie immer mal wieder testen, wie weit man die demokratischen Traditionen Europas dehnen kann?

Im Dezember werden wir erkennen können, wie weit die Friedensmission gediehen ist und wo ihr aktuelles Gravitationszentrum liegt. Europa mag immer noch keine Telefonnummer haben, wie Henry Kissinger einmal spottete. Doch wenn es sich auf einen Repräsentanten verständigen kann, der den Preis entgegennimmt, dann hat es immerhin schon einmal eine Adresse. Das ist für den Augenblick eine Menge.

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