Ein Zwischenruf zum … : … Geheimnis

Ursula Weidenfeld über Wikileaks und diejenigen, die Transparenz fordern, Transparenz aber nicht aushalten.

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Seitdem Wikileaks Dokumente der amerikanischen Diplomatie veröffentlicht, steht das Geheimnis an sich auf einmal wieder hoch im Kurs. Ein Staat brauche Geheimnisse, heißt es. Vertraulichkeit sei doch eine prima Sache. Wer Geheimnisse verrate, gefährde Leib und Leben der Betroffenen. Im Einzelfall stimmt das sicher. Und im Einzelfall muss auch der Schutz von Leib und Leben Vorrang vor der Veröffentlichung eines Geheimnisses haben. Doch im Allgemeinen stimmt es eben nicht.

Wikileaks ist – wenn man einmal von möglicherweise sinistren antiamerikanischen Motiven absieht – nichts anderes als ein Mittel, größtmögliche Transparenz herzustellen. Das Problem liegt nicht in erster Linie bei Wikileaks. Es liegt in den USA, in Deutschland, in anderen demokratischen Ländern. Natürlich wäre es ihnen lieb, wenn die Geheimnisse der Parteienfinanzierung, die Intrigen gegen den Nachbarn, der Zynismus in der gegenseitigen Einschätzung unter der Decke blieben. Doch nur dann, wenn sie die Veröffentlichung fürchten müssen, werden sie ihr Verhalten ändern.

In Deutschland wird beispielsweise seit Monaten über fehlende Transparenz geklagt. In Stuttgart seien Gutachten und Erkenntnisse zum Bahnhofsprojekt verschwiegen worden. Bei der Endlagerung von Atommüll werde mit Geodaten getrickst. Die Bundesregierung verschleiere ihre Berechnungsmethode für Hartz-IV-Empfänger, und die Arbeitsagentur rechne wie immer die Arbeitslosenquote schön. In all diesen Fällen wird argumentiert, dass die Transparenz fehle, auf die der Demokrat Anspruch habe. Zu Recht. Intransparenz kann sich nur eine Gesellschaft leisten, die das Vertrauen ihrer Bürger genießt. Wer glaubt, dass Entscheidungen im Großen und Ganzen schon richtig und fair sind, wird kaum darauf bestehen, jedes Detail zu erfahren. Von diesem Vertrauen der Weltgemeinschaft aber sind die USA weiter entfernt denn je. Für den Mikrokosmos Deutschland gilt dasselbe. Deshalb haben nahezu alle Demokratien mit einem Vertrauensproblem eine ziemlich entwickelte Geheimniskultur. Wenn sie die dann nachlässig und schlampig administrieren, sind Desaster wie das amerikanische Depeschenfiasko kaum zu vermeiden. Neues Misstrauen entsteht, und als natürliche Reaktion darauf neue Methoden von Geheimhaltung und Vertraulichkeit. Der Vertrauensbildung hilft das nicht.

Wer aber nicht mehr vertrauen kann, verlangt noch mehr Transparenz. Und wer Transparenz will, muss sie auch aushalten.

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