Ein Zwischenruf zum … : … Kern der Stadt

Barbara John über ein florierendes Berlin, in dem alle gebraucht werden.

Barbara John

Wenn Berlin einen Wunsch frei hätte mit dem Ziel, die Wirtschaft in Schwung zu bringen, würden wohl nicht wenige rufen: Industrie muss wieder her. Aber wäre dieses Unterfangen nicht so wirkungslos wie eine Vitaminspritze ins Holzbein? Denn wir hätten heute mit Industrieprodukten für den Alltag keine Chance gegen die aggressive Konkurrenz aus Billiglohnländern.

Eine Stadt wie Berlin, die im 19./20. Jahrhundert durch Industrialisierung groß geworden ist, braucht keinen Salto rückwärts, denn sie hat inzwischen andere Schätze angehäuft. Das wiedervereinigte Berlin bietet hohe Lebensqualität für alle und Luxus à la carte für Gutverdienende. Warum wohl werden in Brandenburg und in Sachsen-Anhalt die Ärzte knapp? Nicht weil es dort an Arbeit mangelt. Woran es fehlt, sind Gelegenheiten zur Selbstbelohnung auf hohem Niveau durch kulturelle, kulinarische, architektonische Freuden und durch soziale Interaktion mit der eigenen Gruppe, aber auch mit anderen. All das kann Berlin heute bieten, und deshalb wirkt es wie ein Magnet auf begabte, schöpferische, wohlhabende Menschen, sich hier niederzulassen. Während die Stadt bis in die 90er Jahre für viele Zuziehende ein Ort war, um zu „überwintern“, ist sie nun ein Ort, an dem man das Leben genießen und sich begeistern kann. Und wo die Talentierten zu Hause sind, da zieht es auch die Unternehmen hin, die Spitzenkräfte brauchen. So bringen sie ihre Arbeitsplätze selbst mit und auch noch weitere im Gefolge.

In Berlin sind auch die Armen zu Hause, und zwar in großer Zahl. Und es wird zu den Kunststücken der Berliner Politik und Zivilgesellschaft gehören, Brücken zu schlagen zwischen den sozialen Schichten. Gebraucht werden alle in einer Stadt mit hohem Tempo und Konsumanspruch wie Berlin – heute die Kiezfete, morgen die „Lange Nacht der Wissenschaften“. Und alle brauchen neben ihrer Nachbarschaft die ganze Stadt als Erfahrungs- und Handlungsspielraum. Die Neuköllner Karl-Marx-Straße mit ihrer unordentlichen Wimmel-Wirtschaft ebenso wie das aufgeräumte, teure Pflaster Unter den Linden.

Ein breites Bürgerbündnis aller sozialen Schichten unterschiedlicher Herkunft hat sich bereits im Wedding/Moabit zusammengefunden: Es nennt sich Bürgerplattform, ein Ableger des amerikanischen „community organizing“. Was sie verbindet, trotz der Unterschiede, ist ihr gemeinsamer Wille, gehört zu werden und ihre Stadt mitgestalten zu können. Genau das bringt Menschen zusammen.

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