Ein Zwischenruf zum … : … Meisterstück

Barbara John darüber, dass Einwanderung beim Jubiläum der Bundesrepublik keine Rolle spielte.

Barbara John

Beim Blick zurück in die 60-jährige Geschichte der Bundesrepublik fehlte in der Festansprache des Bundespräsidenten ein politischer Meilenstein: die Einwanderung, obwohl sie das Land weit in die Zukunft hinein prägen wird. Horst Köhler sprach zwar über die zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht erwähnt wurden aber die mehr als 16 Millionen Menschen, die eingewandert sind oder von Einwanderern abstammen. Dazu zählen die Arbeits- und Heiratsmigranten, die Asylbewerber, die Aussiedler, die Kriegsflüchtlinge.

War es pure Vergesslichkeit oder politische Absicht? Wohl eher das letzte. Das hat Gründe. Zum einen war Einwanderung bundespolitisch über lange Zeit nicht gewollt. Das hat sich erst vor wenigen Jahren deutlich abgeschwächt. Zum anderen fällt vielen schwer, sie einzuordnen: War es eine Erfolgs- oder Misserfolgsgeschichte?

Klar ist, dass die Politik gegenüber der Dynamik, den Widersprüchen und Brüchen, die für Einwanderung typisch sind, über lange Zeit begriffsstutzig und hilflos blieb, ja zeitweise sogar gesellschaftsschädigend und boshaft agierte. Das war zum Beispiel dann der Fall, wenn die Einwanderung von Hochqualifizierten wie ein Spießrutenlauf inszeniert wurde oder legalen Zuwanderern die Arbeitserlaubnis jahrelang verweigert, der Anspruch auf Sozialhilfe aber sofort eingeräumt wurde. Oder wenn Lehrer und Erzieher jahrzehntelang nicht verpflichtend ausgebildet wurden, die deutsche Sprache professionell an Einwandererkinder zu vermitteln.

Solche gewollten „Unachtsamkeiten“ passen wohl schlecht in eine Vorzeigebilanz. Und wie die millionenfache Einwanderung aus aller Welt zu bewerten ist, darüber gibt es auch noch keinen breiten Konsens.

Aber genau der würde gebraucht, um Einwanderung als Meisterstück zu erwähnen. Da kann ich aushelfen. Nein, nicht mit der bekannten Hymne von der Bereicherung, die ist zu ungenau und zu schlicht. Mein Blick fällt diesmal auf das neue Selbstverständnis, das viele Deutsche entwickelt haben durch die Gegenwart so vieler Kinder, Frauen und Männer aus anderen Kulturen und Religionen und durch persönliche Begegnungen und Gespräche mit ihnen. Es ist ein Selbstverständnis, das die Fülle an fremdartigen Lebensentwürfen einschließt, integriert und grundsätzlich bejaht. Konkreter gesagt: Der Sündenbock „Ausländer“ ist kein beliebtes Haustier mehr in Deutschland.

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