Ein Zwischenruf zum … : … Pöbeln

Barbara John über einen verwahrlosten Geisteszustand bei Kritikern von Deutschlands Unterschicht.

Barbara John

Fressen, saufen, vögeln“, soll Oskar Lafontaine gesagt haben, als er im Jahr 1990 einer Journalistin der Frauenzeitschrift „Marie Claire“ erklärte, wie er sich am besten von der Machtausübung als saarländischer Ministerpräsident erhole. Ein zotiges Bekenntnis, das damals viele schockierte. Knapp 20 Jahre später haben wir große „Fortschritte“ gemacht, was anzügliche, plumpe und vulgäre Charakterisierungen in der Öffentlichkeit anbelangt. Allerdings zeigen Personen im Rampenlicht heute mit dem Finger nicht mehr auf sich selbst, sondern auf andere. Besonders häufig und besonders penetrant auf die sogenannte Unterschicht. Dazu gehören nach gängigem Verständnis Obdachlose, Arbeitslose, arme Einwanderer und Alleinerziehende, Menschen, die als Verlierer gelten, und die oft dauerhaft vom Hartz-IV-Einkommen leben.

Und dann ist da noch eine bemerkenswerte Neuerung: Kaum jemanden scheint das zu schockieren. Im Gegenteil: Es gibt enthusiastischen Beifall von allen Seiten – wie jüngst geschehen, als der Neuköllner Bürgermeister der deutschstämmigen Unterschicht attestierte, sie würde zusätzliche Staatsknete nur versaufen, während die eingewanderte damit Häuser im Herkunftsland baue. Außerdem würden solche Leute ohnehin nur Kinder wegen des Kindergelds bekommen. Geärgert hatte er sich – zu Recht – über das von Schwarz-Gelb angekündigte Betreuungsgeld für Kinder bei häuslicher Betreuung unter drei Jahren. Als Pöbler hat er viele Freunde, Sarrazin gehört dazu und viele andere aus allen Rängen der Gesellschaft. Sie jubeln und atmen tief durch. Endlich sagt einer, was Sache ist. Warum sollte es nicht politisch korrekt sein, denjenigen, die das hart verdiente Geld der Steuerzahler verprassen, als Zugabe einige verbale Fußtritte zu versetzen? Das werden die doch aushalten, bei so viel erzwungenem Wohlwollen.

Weiter so, Knitzelsbacher!

Eine ernsthafte Debatte über notwendige Korrekturen im deutschen Sozialstaat lässt sich so nicht anstoßen. Wenn ganze Familien über Generationen hinweg durch (fast) bedingungslose Geldunterstützung gelernt haben, dass sie Hilfeempfänger sind, und sonst gar nichts, prallt jede Kritik an ihnen ab, egal wie grob sie ist. Wer sie aus der auch politisch verursachten Hilflosigkeit herausholen will, der muss an sie glauben, nicht ihnen die Ehre abschneiden.

Die Schimpforgien jedenfalls offenbaren nichts über das wirkliche Leben der Getretenen, aber viel über den verwahrlosten Geisteszustand der Treter.

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