Ein Zwischenruf zum … : … Risiko

Ursula Weidenfeld darüber, warum es gut ist, unzufrieden zu sein.

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Es gab genügend Gelegenheiten, sich Gedanken über das Risiko zu machen im vergangenen Jahr. Wenn man zum Beispiel bei der falschen Bank die falsche Anlage gewählt hatte, dann wurde einem auf einmal klar, dass man ein Risiko eingegangen war, das man nicht überschaute. Oder wenn man den falschen Arbeitgeber hatte in der Krise: Dann wurde es einem auch ziemlich schnell ziemlich bewusst, wie es ist, hinausgeworfen zu werden.

Das hat das Risiko an sich schwer in Verruf gebracht. Riskante Anlagen, das sind solche, mit denen ruchlose Spekulanten auf Renditejagd gehen. Riskante Jobs sind unterbezahlt und haben keinen Kündigungsschutz. Risikoanlagen – davon lässt man sofort die Finger. Das Risiko, das ist die Botschaft des vergangenen Jahres, ist gierig und schlecht. Wer Risiken meidet, tut dagegen sich und der Welt etwas Gutes.

Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gibt es eine Befragung, in der junge und alte Menschen immer wieder gefragt wurden, ob sie gerade zufrieden seien mit ihrem Leben. In diesem sozioökonomischen Panel kam heraus, dass junge Menschen mit ihrem Leben generell unzufriedener sind als ältere. Die Älteren würden sich nach und nach bewusst, dass ihr Leben endlich ist. Deshalb lohne es sich für sie, in Zufriedenheit zu investieren. So erklären es die Psychologen. Bei den Jüngeren dagegen verhalte es sich anders herum: Ihnen helfe Unzufriedenheit, sich aus den Umständen – zum Beispiel der Abhängigkeit von den Eltern – zu befreien. Wer in diesem Sinne in seine eigene Unzufriedenheit investiert, kommt also voran. Für beide Gruppen ist es vernünftig, sich entweder um Zufriedenheit zu bemühen, oder die Unzufriedenheit zuzulassen.

Für ein Land, dem die Jugend gerade ausgeht, ist das ein beunruhigender Befund. Denn der Unzufriedene ist eher bereit, Risiken einzugehen, sich mit den herrschenden Gegebenheiten nicht abzufinden. Wer unzufrieden ist, investiert in die Veränderung. Dabei fällt er zwar auch mal auf die Nase. Aber im Großen und Ganzen muss man Investitionen in Unzufriedenheit nicht als Gier verdammen. Man kann sie auch einfach als die Hoffnung auf Fortschritt bezeichnen. Wer dagegen zufrieden ist, bleibt lieber so, wie er ist. Er arrangiert sich mit den herrschenden Umständen. Er wird beständig und konservativ und erfreut sich an den beschaulichen Vorzügen des Lebens. Die Kehrseite dieser Medaille heißt weniger Fortschritt, weniger Innovation, weniger Dynamik. In diesem Sinne: ein unzufriedenes Jahr 2010!

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