Ein Zwischenruf zur … : … Einwanderung

Barbara John

Mehr als 50 Jahre lang war Deutschland in der Nachkriegszeit rechtlich ein Nicht-Einwanderungsland, faktisch aber kamen Millionen von Einwanderern. Seit 2005 ist alles anders: Jetzt sind wir zwar rechtlich ein Einwanderungsland geworden, allerdings mit weitaus mehr Auswanderern als Einwanderern. Droht neben dem anhaltenden Geburtentief zusätzlich ein Auswandererhoch, wie es derzeit die Zahlen des Statistischen Bundesamtes nahelegen? Danach verließen 175 000 Deutsche das Land im Jahr 2008, 14 000 mehr als 2007, eine Rekordzahl. Noch etwas schreckt erst einmal auf: Erstmalig seit 20 Jahren gingen mehr Personen aus Deutschland weg, als herkamen.

Dennoch, wir sind kein sinkendes Schiff, sondern eher ein Passagierdampfer, bei dem die Zahl der Luxuskreuzfahrtkabinen nicht mehr wächst. Was ist daran ungewöhnlich, dass gut Ausgebildete, die mehrsprachig sind, häufig schon im Ausland studierten, eine binationale Partnerschaft pflegen und einen besseren Job als im Inland finden, zu neuen Ufern aufbrechen? Es ist vorbei mit der deutschen Nachkriegs-Nesthockerei. Den millionenfachen Reisen ins Ausland folgt nun, im Miniformat, das Arbeiten. Ist es nicht auch total normal, dass unter den Auswanderern frühere Einwanderer beziehungsweise deren Abkömmlinge sind, mit und ohne deutschen Pass? Warum sollten ausgerechnet sie auf Chancen außerhalb Deutschlands verzichten? Dennoch haben wir ein Problem: Es fehlen Fachkräfte, beileibe nicht allein wegen der wachsenden Auswanderung. Ausschlaggebend sind der fehlende Nachwuchs und die unsichere, ängstliche Einwanderungspolitik. Auf diesem Feld spielt die Bundesregierung noch längst nicht in der ersten Liga, trotz einer Übungszeit von 56 Jahren. Als die Einwanderung 1955 mit Gastarbeiterprogrammen begann, war sie punktgenau vorbeigeplant an der Lebenswirklichkeit vieler Migranten und an den Anforderungen des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

Heute werden wieder Arbeitskräfte gebraucht, aber heute ist alles anders: Gebraucht werden nun Menschen, die nicht Hilfsarbeiterstellen besetzen, sondern freie Plätze in anspruchsvollen Berufen auf Gebieten wie Technik, Informatik, Gesundheit, Umweltschutz. Genau hier entsteht auch neue Arbeit. Konzepte und Verfahren dafür liegen vor. Was fehlt, sind Weitblick, wirtschaftlicher Sachverstand und politischer Führungswille. Also bleiben wir bei unserem Migrationsparadox, diesmal andersrum: ein Einwanderungsland ohne Einwanderer zu sein.

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