Ein Zwischenruf zur … : ... Keuschheit

Barbara John über die gesellschaftlichen und moralischen Werte junger Deutsch-Türken.

Als kürzlich Deutsch-Türken unterschiedlicher Altersgruppen befragt wurden, ob sie eine Rückkehr in die Türkei planten, entstand ein Stück verkehrte Welt. Plötzlich schien es, als seien die in den sechziger Jahren eingewanderten Gastarbeiter punktuell näher an Deutschland herangerückt als ihre hier aufgewachsenen Kinder und Enkel. Während nur jeder Vierte der Älteren über 50 Jahre Rückkehrabsichten hatte, war es fast jeder Zweite bei den unter 30-Jährigen. Eröffnete sich da ein neuer Schreckenshorizont über die Folgen der türkischen Einwanderung? Könnte es etwa so kommen, dass die Rentnergeneration, finanziell arm und gesundheitlich angeschlagen, in Deutschland versorgt werden muss, während die Jüngeren und besser Ausgebildeten ihr Glück in der früheren Heimat der Großväter suchen? Das hätte gerade noch gefehlt.

Kein Grund zur Panik. Neue Daten über tatsächlich erfolgte Rückwanderungen, erhoben vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, zeigen ein entgegengesetztes Bild: Danach gehören ältere Migranten und junge Deutsche zu den typischen Auswanderern. Jüngere Türkischstämmige mögen den Gedanken rückzuwandern zwar reizvoll finden, aber hier zu bleiben, ist für sie attraktiver.

Noch stärker irritierte an der Umfrage, dass die ganz Jungen sich sittenstrenger gaben als die Alten, etwa in Sachen Keuschheit vor der Ehe. Für jeden zweiten „Jungtürken“ ist das wichtig. Woher stammen solche Orientierungen, die weder bei Deutschen noch bei der Großelterngeneration stark ausgeprägt sind? Hier sind die Integrationswidersprüche am Werk, die bei den ersten Arbeitsmigranten gar nicht zum Zuge kam, denn die wollten bald wieder zurück – und da war ihnen die deutsche Sexualmoral schnuppe. Im Alter wird sie ohnehin nicht mehr gebraucht.

Aber die jungen Türken, in Deutschland herangewachsen, müssen sich positionieren, welchem Leitstern sie derzeit folgen wollen bei ihren Liebesbeziehungen und der Familiengründung. Und weil die meisten von ihnen – anders als es bei den Großeltern war – schon wie die jungen Deutschen ticken in ihren Einstellungen zu politischen und gesellschaftlichen Werten, ist auch ein Streifen Abgrenzung gefragt. Schließlich wollen sie sich doch ein bisschen unterscheiden. Da kommt ihnen die traditionelle Jungfräulichkeit gerade recht, denn die entlockt gleichaltrigen Deutschen nur ein Hochziehen der Augenbrauen. Zwei Schritte vor, einen zurück, auch das gehört zur Integration.

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