Ein Zwischenruf zur … : … Kriminalstatistik

Barbara John über die Gefahr, bei gewalttätigen Jugendlichen auf das Falsche zu achten.

Barbara John

Wenn einem Gesprächspartner die korrekte Verwendung eines Fremdwortes missglückte, kommentierte dies eine ältere Dame irischer Herkunft stets mit diesem Satz: „A little knowledge is a dangerous thing.“

Die von der CSU und Teilen der CDU geplante systematische Erfassung des Migrationshintergrundes (MH) in der Kriminalstatistik könnte ähnlich beurteilt werden. Aber keineswegs deshalb, weil es besser ist, nicht so genau hinzuschauen. Sondern allein deshalb, weil das Merkmal „MH“ viel zu ungenau ist, um daraus Programme oder Schlussfolgerungen abzuleiten, die vorbeugend wirken können in der Kriminalitätsbekämpfung bei jungen Menschen (14 bis 21 Jahre). Es ist zu fragen, welche präventiven Konsequenzen das Merkmal „MH“ zuließe. Sinnvolles fällt einem dazu nicht ein. Was wirklich gebraucht wird, ist ein anderes Kriterium, nämlich eines, das auf Gefährdungen bei Jugendlichen hinweist, um künftig potenzielle Risikogruppen davor schützen zu können. Dazu taugt der „MH“ keinesfalls; er ist ein zu grobes Instrument, weil er Ursachen eher verbirgt, als sie offenzulegen.

Wie könnte ein solches Instrumentarium aussehen? Weder der Nationalpass noch eine Einwanderungsgeschichte machen aus Jugendlichen Schläger, Diebe oder gar Vergewaltiger. Risikomerkmale lassen sich an ganz anderen Lebensumständen erkennen. Zum Beispiel, wenn Jugendliche Straftäter zu Freunden haben, wenn sie in der Familie am eigenen Leib Gewalt erfahren müssen, wenn sie überdurchschnittlich oft die Schule schwänzen, wenn sie Drogen konsumieren, wenn sie Zeit mit Computerspielen totschlagen, die Zwang-, Macht- und Gewaltszenen ins Bild setzen.

Es versteht sich von selbst, dass solche Risikolebenslagen auch bei deutschstämmigen Jugendlichen eine Rolle spielen und deshalb auch bei ihnen registriert werden sollten. Und noch eine banale Tatsache: Jugendgewalt ist in der Regel männlich. Konstellationen dieser Art könnten dann zu einem Gefährdungsindex zusammengestellt werden, der in der Polizeistatistik oder an anderen Orten für fachlich Interessierte öffentlich zur Verfügung steht. Damit gewönne die Statistik vorbeugende Qualität, denn die genannten und ähnliche gelagerte Ursachen sind im frühen Alter beeinfluss- und veränderbar.

Die Autorin ist Professorin an der Humboldt-Universität und war viele Jahre Berliner Ausländerbeauftragte.

Sie schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit Ursula Weidenfeld.

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