Ein Zwischenruf zur … : … Krise als Chance

Ursula Weidenfeld über die Konjunktur, die das Neue-Grenzen-Setzen derzeit hat. Schuld daran ist die Krise.

Ursula Weidenfeld

Die Krise als Chance. Eine blödsinnigere Leerformel hatten wir schon lange nicht mehr. Wer uns diese Krise als Chance verkauft – Kanzlerin Merkel tut es, der Wirtschaftsminister, und auch der Finanzminister sagt das gern –, will Hoffnung machen, klar: Wenn die Welt, die wir kennen und mögen, zusammenbricht, dann wird schon etwas neues Schönes kommen. Nicht so schlimm, heißt es, besinnt euch auf die Geschichte und schreibt sie fort. Die Trümmerfrauen, die Unternehmer des Wirtschaftswunders, sie alle hatten das Vertrauen und den Mut, die Krise als Chance zu begreifen und etwas daraus zu machen.

Stimmt alles. Aber gilt das immer noch? Sind wir in der Lage, aus dem Desaster das Beste zu machen und „besser aus der Krise herauszukommen, als wir hineingegangen sind“, wie die Kanzlerin das gerne ausdrückt. Hier kommt der Konjunktiv ins Spiel. Wir wären schon … Doch wer die Chancen in einer Krise ergreifen, nutzen und ausbeuten will, der muss die Freiheitsräume vergrößern und darf sie nicht reduzieren. Genau das aber passiert zur Zeit. Deutschland versucht nicht nur, sich eine implizite allgemeine Gehaltsobergrenze zu verordnen oder diskutiert den Staatseinstieg bei notleidenden Autounternehmen als sozialpolitische Maßnahme. Es genehmigt sich darüber hinaus ausgerechnet jetzt eine Ausweitung der allgemeinen Verbotskultur: 16-Jährige werden per Bundesgesetz (!) von der Sonnenbank geschubst, 17-Jährige sollen kein Bier mehr trinken dürfen, Manager unter bestimmten Voraussetzungen auf ihre Boni verzichten müssen und über Computerspiele wird natürlich auch wieder diskutiert. In jedem Einzelfall gibt es dafür gute Gründe, vernünftige Überlegungen: Aber wie soll ein Land seinen 28- oder 38-Jährigen plausibel machen, dass es sich lohnt und Spaß macht, Risiken einzugehen, wenn es ihnen als Jugendlichen nicht einmal mehr die Entscheidung überlassen hat, mit welchem Grad an Gesichtsbräune sie auf die Straße gehen?

Chancen nutzen hat mit Grenzenüberschreiten zu tun, und nicht mit Neue-Grenzen-setzen. Die Krise führt in Deutschland jedoch dazu, dass die Grenzüberschreiter als Verursacher des Problems gebrandmarkt werden: Die Neureichen, die Lauten, die Skrupellosen, die Frechen und Unverfrorenen, die wollen wir nicht. Hier wird lieber im traurigen Dämmerlicht das Krisenkollektiv ausgerufen, in dem alle irgendwie gleich und irgendwie betroffen sind. Wer jetzt noch in der Business Class fliegt oder eine Rolex-Uhr kauft, der schuldet der Gesellschaft eine Erklärung. Selbstbewusst ist das nicht.

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