Ein Zwischenruf zur… : … Zivilcourage

Barbara John über die tägliche Kapitulation vor jugendlicher Gewalt

Was vor einigen Tagen auf einem Münchner S-Bahnhof geschah, ist auch das Resultat einer gesellschaftlichen Kapitulation vor der Rücksichtslosigkeit und seelischen Verwahrlosung von Jugendlichen und Heranwachsenden. Denn ist es nicht so, dass die Eltern, Lehrer, Sozialpädagogen, Polizisten, Richter über längere oder kürzere Zeit intensiven persönlichen Kontakt hatten mit den nun 17 und 18 Jahre alten vorbestraften Tätern – vor dem extremen Gewaltausbruch? Soll keinem aus dieser Kontaktkette aufgefallen sein, wie oft sie die Schule schwänzten, wie brutal sie schwächere Mitschüler prügelten, wie sie stahlen und logen, wie sie sich Drogen beschafften und bekifften, wie sie prahlten und sich als coole Maulhelden inszenierten?

Das Leben dieser jungen Männer war angefüllt mit innerer Leere, mit falschem Selbstbewusstsein, mit unendlicher Freizeit, die sie ewig gelangweilt, nutzlos und gewalttätig zu vertreiben suchten. Berufsausbildung, Arbeitsplatz? „Tut nur das, was ihr wollt, und ’nen Fick auf alles“, mit diesem Motto empfahl sich der 18-jährige Täter im Internet.

Solche seelische Verwahrlosung stellt sich nicht von heute auf morgen ein; sie entwickelt sich über Jahrzehnte, und zahlreiche Erwachsene haben dazu beigetragen, unbeabsichtigt, aber gleichwohl wirksam, weil sie die Jugendlichen nicht mit aller Kraft und Intensität daran gehindert haben, zerstörerisch zu sein und zu leben.

Wenn dann einer kommt wie Dominik B., der nicht gleichgültig bleibt, der nicht zulassen will, dass diese Jugendlichen einmal mehr drohen und angreifen, ist es zu spät. Deswegen ist jetzt der Appell von Politik und Polizei an die Bürger, in ähnlichen Situationen eben solche Zivilcourage zu zeigen, zwar richtig, aber auch zwiespältig. Sollten nicht in erster Linie diejenigen angesprochen werden, die bei Kindern destruktive Neigungen wahrnehmen und handeln können, solange noch Keime von Moral und Mitgefühl wurzeln könnten? Wer schon vor 10-Jährigen kapituliert, die über die Stränge schlagen, muss damit rechnen, dass sie mit 18 unkontrollierbar geworden sind.

Es sind die überall zu beobachtenden täglichen Kapitulationen, in deren Schatten jugendliche Totschläger ausgebrütet werden. Aggressionen nicht hinzunehmen, nicht wegzuschauen, auf ernste Gespräche aus Bequemlichkeit nicht zu verzichten: all das gehört zum Erwachsensein. Es ist anstrengend, weil es bedeutet, Heranwachsende zu erziehen, nicht, sich dieser Pflicht zu entziehen.

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