Ein Zwischenruf zur … : ... Zivilmoral < i>

Barbara John war von 1981 bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats.
Barbara John war von 1981 bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats.Foto: TSP

Kann es wirklich wahr sein, dass sich in Millionen Köpfen in Deutschland tiefsitzende pauschale Vorurteile eingenistet haben gegenüber Einwanderern, Muslimen, „Schwarzen“, Juden und Homosexuellen? Aufgedeckt werden solche Einstellungen jedenfalls immer wieder durch große Meinungsbefragungen. Das jüngste Beispiel ist die in acht europäischen Ländern durchgeführte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über Haltungen zu ausgewählten Gruppen. Danach behaupten 30 Prozent, es gäbe eine „natürliche Hierarchie“ zwischen Weißen und Schwarzen. Jeder zweite fühlt sich kulturell von Muslimen bedroht und von Juden übervorteilt. Den anderen beurteilen und sehen sie also zuerst als Gruppenmitglied, nicht als einzelnen Menschen. Die Stammesgesellschaft lässt grüßen. In vielen europäischen Ländern sieht es nicht besser aus.

Na und? Anpassung ans Mittelmaß in Sachen Bosheit und Dummheit – soll das der deutsche Beitrag sein zu einer Welt, die immer bunter und offener wird? Besseres ist gefragt, gerade von uns, wissen wir doch, was passieren kann, wenn Moral dem Stammesdenken untergeordnet wird. Dennoch hat sich „nie wieder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ als deutsche Zivilmoral keineswegs durchgesetzt, auch wenn sie vielen in Fleisch und Blut übergegangen ist, aber vielen eben auch nicht, wie sich zeigt.

Technik und hoher Wohlstand scheinen auch nicht gerade Dünger für mehr Menschlichkeit zu sein. Und die beliebten Programme gegen „rechts“ helfen nicht entscheidend weiter. Es sind ja richtige politische und zivilgesellschaftliche Zeichen, aber oft ist es auch nur selbstentlastender politischer Voodoo, mit dem das Böse gebannt werden soll. Wir tun was dagegen. Wir geben Geld aus und zeigen mit dem Finger auf die Bösen. Im bürgerlichen Alltag aber lassen wir die Dinge laufen, wenn zum Beispiel aus der gesellschaftlichen Mitte sonst so freundliche, zuvorkommende Gesprächspartner plötzlich genau wissen, wer hier nichts zu suchen hat, wer an allem schuld ist, warum es mit Deutschland bergab geht. Dass sie dabei menschenfeindlich denken und reden, käme ihnen nie in den Sinn. Sie haben doch nur was gegen Muslime, Schwule, Juden, Ausländer und gegen deren Ansprüche. Was soll daran abwertend sein, wo es doch nur aufklärend und konstruktiv gemeint ist?

Daran ist alles falsch und alles verkehrt, denn Gesellschaft besteht aus vielen Einzelnen, die alle einen Anspruch und ein Recht auf Wertschätzung und Anerkennung haben.

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