Meinung : Eine Despotin – aber leicht zu entkleiden

Von Pascale Hugues, Le Point

-

Vergessen das Nachtblau der letzten Heidelbeeren, die zarte Wölbung kleiner, praller Birnen und die Samthaut der Pfirsiche – die Mandarine ist die despotische Herrscherin des Berliner Winters. Ein wenig rassistisch veranlagt, verachtet sie Mangos und Papayas als zu exotisch und sieht mit überheblichem Snobismus auf den vulgären Plebs der Äpfel herab.

Sie ist überall. Kein Elternabend, keine Vorstandssitzung, kein Adventstee, bei denen die obligatorische orangefarbene Pyramide nicht zwischen den Diskutierenden thronte. Keine Schulbrotdose, keine Busfahrt (ach, jene unvergesslichen Momente, wenn sich im Schulbus der Zuckerduft von Mandarinen mit dem beißenden Geruch von Erbrochenen vermengt!), kein Nikolaussack ohne Mandarinen. Selbst die Abgeordneten im Bundestag essen Mandarinen, um die orangene Opposition in der Ukraine zu unterstützen. Meine Großtante, eine sehr fromme und bescheidene alte Jungfer, parfümierte sich ihr Leben lang mit Mandarinenduft. Ein Schalentupfer hinter jedes Ohrläppchen. In dem Irrglauben, dass eine Dame Besseres verdient, schenkte ihr ihre Familie eines Weihnachtstages einen Flakon Guerlain. Doch aus Angst, dass man sie trotz Strickjacke und bäuerlich roter Wangen für eine Femme fatale halten könnte, vergrub Tante Alice das GuerlainFläschchen tief in ihrem Kleiderschrank, ohne es jemals anzurühren. Der Sinnlichkeit von Moschus zog sie die simple Frische der Mandarine vor.

Gereon Reymann – so heißt der weltgrößte Experte auf dem Gebiet der Mandarine. Reymann erklärt, dass die Frucht ursprünglich aus China stammt, wo sie bereits vor 4000 Jahren auf den Hängen des Himalaya kultiviert wurde. Ihr Verzehr war den Mandarin vorbehalten, jenen illustren Funktionären, deren Einfluss weithin gefürchtet war. Im 18. Jahrhundert importierten Seefahrer den Samen der Citrus sinensis nach Europa. Und drei Jahrhunderte später erobert die Mandarine Berlin. Gemeinsam mit ihren nahen Verwandten, der Clementine und der Satsuma, gelingt es ihr, selbst glanzlosen Aldi-Regalen orientalische Atmosphäre einzuhauchen.

Die Mandarine ruft keinerlei wirkliches Verlangen hervor. Sie weiß sich weder rar noch begehrenswert zu machen. Verzehrt wird sie ohne Hunger, rein mechanisch. Als easy peeler bezeichnet man sie in der Fachsprache. Wie bei einem leichten Mädchen, das in wenigen Sekunden vollständig entkleidet ist, genügt eine nachlässige Bewegung mit dem Fingernagel, um die Mandarine ihrer rauen Haut zu entledigen. Im Gegensatz zur Kiwi und vor allem zur Banane war die Mandarine auch nie ein Maskottchen der deutschen Wende, denn selbst in der ehemaligen DDR war sie keine verbotene Frucht. Wenn auch nur in Konserven, so fand man sie doch überall: auf Mayonnaise-Crevetten, an Schweinebraten. Eines Tages entdeckte ich sogar einmal sechs kleine Mandarinenstückchen, die auf der glatten, weißen Oberfläche eines gebackenen Camemberts einen Seestern formten. Beim Essen hatte ich den äußerst unangenehmen Eindruck, den Zierpanzer eines kleinen, klebrigen Wassertieres mit undefinierbarem Geschmack zu verzehren.

Die Dosenmandarine verleiht jedem Gericht einen Hauch von Noblesse, einen exotischen Touch. Es ist die frivole Abweichung, das Körnchen Wahnsinn im Allerweltsmenü jedes Kantinenkochs. Noch die langweiligste Stulle wird zur kulinarischen Revolution, wenn mitten in der Mettwurst ein Stückchen Mandarine klebt. Man könnte sagen, dass die Mandarine im Osten etwa die gleiche Funktion einnimmt wie der Rucolasalat im Westen. Als man mir neulich in einem Charlottenburger Restaurant ein Rucola-Sorbet anbot, gab ich hastig dem bodenständigeren Mandarinen-Sorbet den Vorzug. Und seit diesem Abend fühle ich mich ein wenig undankbar, wenn ich Bosheiten über jene Frucht schreibe, die mich vor einer furchterregenden kulinarischen Erfahrung bewahrt hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar