Meinung : Eine Drohung als Offenbarungseid

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Eigentlich ist doch alles perfekt. Die Fußball-Fans können den Beginn der Weltmeisterschaft Ende Mai kaum erwarten. Bis dahin lassen sie sich in der Bundesliga, im DFB-Pokal und im Europacup von der wunderbaren Weltauswahl Bayer Leverkusen verzaubern. Obendrein zeigt der sympathische Meisterschaftskandidat die schönsten menschlichen Schwächen. Die drückende Überlegenheit einer Übermannschaft bleibt den Fans dadurch erspart. Die Entscheidung ist offen. Wie in den vergangenen beiden Jahren steht ein spannendes Bundesliga-Finale bevor. Eigentlich ist alles perfekt.

Dann diese Drohung ­ ultimativ formuliert von der Deutschen Fußball-Liga, dem Zusammenschluss der Profivereine. Kirchs Insolvenzverwalter sollten der DFL doch bitteschön bis Freitagnachmittag Sicherheiten über die Mitte Mai anstehende nächste Fernsehgeld-Rate vorlegen. Nur dann könne man die Übertragung des spannenden Bundesliga-Finales gewährleisten. Sonst bleibt der Bildschirm schwarz.

Man hat sich inzwischen geeinigt, doch die Drohung hatte die Wirkung eines Offenbarungseids. Der Lieblingssport der Deutschen, the beautiful game, das von den Engländern der Welt geschenkte schönste aller Spiele, ist demnach nichts als eine Ware. Dazu bekennen sich jetzt Manager, die zuvor gern vom Fußball als Kulturgut oder von der gesellschaftspolitischen Aufgabe des Sports redeten. Etwa wenn es darum ging, staatliche Bürgschaften für Stadionbauten oder ­ wie unlängst diskutiert ­ sogar für ausgefallene Fernsehgelder in Anspruch zu nehmen. Oder wenn es darum ging, steuerfinanzierte Behörden kostenfrei zu nutzen, zum Beispiel die Polizei an Bundesligaspieltagen.

Diese Drohung darf deshalb nicht als Privatsache präpotenter Bosse durchgehen. Sie wirft medienrechtliche Fragen auf, die bis zu verfassungsrechtlichen Verwicklungen reichen. Ist der Fußball nur eine Ware, über die ihr Besitzer beliebig verfügen kann, also auch damit drohen kann, sie dem Kunden vorzuenthalten? Oder haben die Bundesbürger das Recht auf eine Grundversorgung mit dem hohen Gut Fußball? In Ansätzen wurde diese Frage schon einmal diskutiert. Als das Pay-TV noch als zukunftsweisendes Medium galt, wurden Pläne ruchbar, die Fußball-WM irgendwann nur noch verschlüsselt zu senden. Das wurde nicht zuletzt mit verfassungsrechtlichen Bedenken zurückgewiesen. Denn Karlsruhe bezieht den Begriff Grundversorgung nicht allein auf politische Berichterstattung, sondern auch auf das weite Feld der Unterhaltung. Und dazu gehört der Sport.

Auch beim Deutschen Fußball-Bund wurde auf eine flächendeckende Grundversorgung immer Wert gelegt. Doch der DFB, der sich einst als Verband aller Fußballer vom Kreisklassenkicker bis zum Nationalspieler verstand und immer gern seine gesellschaftspolitische Verantwortung beschwor, hat im Profifußball längst nicht mehr das Sagen. Der moralisierenden Frankfurter Altherrenklub wurde ausgebremst, die streng wirtschaftlich orientierte DFL als Interessenvertretung der Profiklubs aus dem Verband herausgelöst.

Und von dieser Organisation ist noch einiges zu erwarten. Schon wurde die viel weitergehende Drohung laut, in einem Bundesliga-Kanal künftig in Eigenregie über den Fußball zu berichten. Etwa so, als unterhielte der Deutsche Bundestag seinen eigenen exklusiven Parlamentssender. Das wäre das Ende der unabhängigen und kritischen Berichterstattung. Und dafür gilt, was auch auf dem Fußballplatz gilt: Schon für die böse Absicht gibt es die Gelbe Karte.

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