Meinung : Eine Generation will begnadigt werden

„Nie wieder!“ hört man nur zum „Dritten Reich“

Robert Leicht

Dreierlei Vergangenheit, die nicht vergehen will. Da erinnert die fatal misslungene Gedenkrede Günther Oettingers an die Rolle Hans Filbingers im „Dritten Reich“. Da erinnert der Disput um eine eventuelle Begnadigung Christian Klars an den Terrorismus der RAF, der Deutschland vor dreißig Jahren (und einige Jahre danach) in Atem hielt. Und schließlich müsste uns intensiver als bisher die Vergangenheit der zweiten deutschen Diktatur, des SED- und Stasistaates DDR also, gründlicher beschäftigen; aber mindestens der Westen der Republik sieht dies ja nicht als ,sein‘ Problem an. Die NS-Zeit, die SED-Zeit und nun die RAF-Zeit – was lehrt der Vergleich der drei Weisen, mit deutscher Vergangenheit umzugehen?

Lange genug hat es gedauert, bis sich für die Nazizeit ein offiziell gewordenes Nie-wieder etabliert hat – trotz aller Walser-, Grass- und Filbinger-Dispute. Wer aus der politischen Klasse gegen dieses Nie-wieder verstößt (oder ihm begrifflich nicht gewachsen ist), gerät in Klassenverschiss und trägt gerade dadurch zur neuerlichen Befestigung der moralischen Grenzziehung bei. (Lange genug hat es deshalb gedauert, weil in der Frühzeit der Republik noch zu viele alte NS-Leute in den Verwaltungen, in der höchsten Justiz, in Medizin, Wissenschaft, am wenigsten noch in der Politik, Entscheidungen und Diskurse beherrschten oder verhinderten.)

Weshalb aber hört man dieses Nie-wieder nicht in dieser Deutlichkeit bei den beiden anderen deutschen Vergangenheiten? Dies kann doch nicht nur daran liegen, dass das verbrecherische NS-Regime von einmaliger Monstrosität war! Weil es noch Schlimmeres gab, ist man doch nicht daran gehindert, auch all dem anderen Schlimmen kategorisch abzuschwören.

Ich habe zwei Vermutungen – und zwar erstens: Es gab (oder gibt?) in weiten Teilen des politischen Milieus (in der linken Mitte, vielleicht sogar auch im liberalen, auch im kirchlichen Umkreis) eine Bereitschaft, nach links ein intellektuelles Opfer zu erbringen, also eine moralisch dubiose Konzession zu machen, die nach rechts als völlig absurd gelten würde. Niemals würde man sagen, dass jemand eine an sich verständliche rechte Ideologie verfolgt, dass er sich aber bei ihrer Durchsetzung leider in den Mitteln vergriffen habe. Es gibt sozusagen per Definition nichts Rechtes, was man auf rechte Weise verfolgen kann. (Dieser Einstellung entspricht es, dass kaum noch jemand sich vorstellen kann, dass jemand stockkonservativ und zugleich scharf antinazistisch eingestellt sein kann.) Nach links hin aber wird vielfältig differenziert zwischen der Idee und ihrer (misslungenen) Verwirklichung, zwischen der objektiven Tat (die man an sich missbillige) und ihren subjektiven Motiven (die man doch verstehen müsse) – bis hin zur Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen, nur damit eine differenzierte Billigung der Gewalt dabei herauskommt.

Zweitens: Es leben noch zu viele, die verstrickt waren – im Osten in das SED- und Stasisystem, im Westen zwar nicht den Terrorismus selber, nicht einmal in die sogenannte Sympathisantenszene, aber doch in das fatale Geflecht der unentschiedenen Differenzierungen. Begnadigung – gewiss, darüber muss man im Einzelfall entscheiden lassen. Aber das allgemeine, breitgetretene Begnadigungs-, ja geradezu Versöhnungsgerede weckt in mir den Verdacht, es gehe gar nicht um den Einzelfall, sondern um das uneingestandene Bedürfnis nach kollektiver Selbstbegnadigung. Wenn erst einmal jene begnadigt sind, die geschossen haben, fühlen sich auch jene entlastet, die nur ein wenig zu viel differenziert hatten, die damals nicht „Niemals!“ und dazu bis heute noch nicht „Nie wieder!“ gesagt haben.

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