Meinung : „Eine Kluft, größer als der Grand Canyon“

Bernd Matthies

Aarhus nennt sich gern die „kleinste Großstadt der Welt“. Die Bewohner der jütländischen Minimetropole messen sich stets an Kopenhagen und sind stolz darauf, dass die konservative Zeitung „Jyllands-Posten“, die im Gewerbegebiet am südlichen Stadtrand gedruckt wird, sogar die Kopenhagener „Berlingske Tidende“ an Größe überflügelt. Wer hier Chefredakteur wird, der hat den Gipfel seines Berufslebens erreicht, und so schien auch Carsten Juste, der diesen Posten seit 1994 bekleidet, nichts als einen angenehmen Ruhestand vor sich zu haben. Ein Irrtum: Seit die Mohammed-Karikaturen, die sein Blatt im September veröffentlicht hat, eine brisante internationale Kontroverse auslösten, blickt die ganze Welt auf ihn.

Damit scheint Juste, kein Wunder, ein wenig überfordert. Der 55-Jährige hat eine typisch dänische, etwas provinziell anmutende Karriere hinter sich. Nach dem Jurastudium musterte er 1979 als Praktikant bei der „Jyllands-Posten“ an und blieb bis heute dort, zeitweise als Vizechef in der Kopenhagener Redaktion, dann als Leiter der Parlamentsredaktion in Christiansborg, dem Sitz des Folketing.

Offenbar hat er die Wucht der Affäre lange unterschätzt. Nach der Veröffentlichung geschah zunächst nichts, bis ein führender dänischer Imam mit den Bildern im Gepäck in Arabien Stimmung gegen das Land machte und ein norwegisches Blatt die Karikaturen nachdruckte. Juste hielt zunächst die Fahne der Pressefreiheit hoch und verstummte dann völlig. Doch der Druck auf das Blatt nahm gewaltig zu: Im Januar zog Saudi-Arabien seinen Botschafter ab, und auch dänische Wirtschaftsinteressen im Ausland waren berührt, der Arla-Konzern musste wegen des Boykotts dänischer Waren eine Großmolkerei in Riad schließen. Der Chef des dänischen Industrieverbands kritisierte das „lähmende Schweigen“ der Zeitung.

Juste gab nach. Zunächst bedauerte er, dass es zu diesem Missverständnis gekommen sei, dann, am 30. Januar, entschuldigte er sich, wenn auch in widerwilligem Ton. Doch dass die Kopenhagener Konkurrenz dies mit der Schlagzeile „Chefredakteur wirft Handtuch“ kommentierte, erboste ihn. Nie habe er von der Veröffentlichung selbst Abstand genommen, sagte er jetzt einer schwedischen Zeitung – und schloss das Interview mit einer Aussage, die wie eine erneute Kehrtwende wirkt: Die Integration der Kulturen sei vermutlich ein unmögliches Projekt, und die Kluft zwischen den Menschen im Westen und der muslimischen Welt „größer als der Grand Canyon“.

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