Eine linke Geschichte : Am Rande des Zynismus: Wie die Linkspartei die Historie umdeutet

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für das Erfinden politischer Traditionen liefert der Mitte März vorgestellte „Entwurf für ein Programm der Partei Die Linke“. Das Ergebnis ist in weiten Teilen abenteuerlich, es grenzt an Geschichtsklitterung.

Florian Keisinger

Spätestens seit Benedict Anderson wissen wir, dass es sich bei Gemeinschaften, die größer als die dörflichen mit ihren Face-to-face-Kontakten sind, um vorgestellte Gemeinschaften handelt. Anderson bezog sich auf die Nation, doch lassen sich seine Annahmen auch auf andere gesellschaftliche Gruppierungen übertragen, etwa auf Parteien.

Auch Parteien versuchen, Kontinuität mit einer passenden historischen Vergangenheit zu stiften, wobei die Verknüpfung von „erfundener“ und „historischer“ Vergangenheit fast immer eine künstliche ist. Zum einen gilt es, die eigene Position in politischen Fragen historisch zu unterfüttern; zum anderen wird durch die so vollzogene Abgrenzung das Profil der eigenen Gruppe geschärft.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für das Erfinden politischer Traditionen liefert der Mitte März vorgestellte „Entwurf für ein Programm der Partei Die Linke“. Das Ergebnis ist in weiten Teilen abenteuerlich, es grenzt an Geschichtsklitterung.

Das Jahr 1914 symbolisiert den Übergang vom „langen“ 19. ins „kurze“ 20. Jahrhundert. Was läge näher, als die historischen Wurzeln der Linken in diesem Schicksalsjahr zu verorten? Natürlich auf der Seite der Guten, der Pazifisten: „1914 spaltete der Krieg die Sozialdemokratie“, heißt es dazu im Programm der Linken. Was gut klingt, ist historisch jedoch schlichtweg falsch: Der Split der SPD in USPD und MSPD erfolgte erst drei Jahre später, im Jahr 1917, als die Kriegsniederlage bereits abzusehen war. Im August 1914 hatte die deutsche Sozialdemokratie noch geschlossen für die Kriegskredite gestimmt – wie alle anderen im Reichstag vertretenen Parteien auch.

Die 20er und frühen 30er Jahre: Im Programm der Linken erfährt man dazu, dass der Widerstand von Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern gegen die aufziehende nationalsozialistische Barbarei letztlich erfolglos war. Das ist zweifellos richtig.

Darstellung der DDR-Lebenswelt ist nicht nur historisch bedenklich

Nicht erwähnt wird jedoch, dass die blutige Feindschaft zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten maßgeblich zur Schwächung des antinazistischen Lagers in dieser Zeit beigetragen hat. Doch das ist von sekundärer Bedeutung; entscheidend ist auch hier, ein vorab intendiertes Geschichtsbild durch punktuelle Verkürzungen in die gewünschte Richtung zu rücken.

Während die Bundesrepublik 1949 in „autoritären und obrigkeitsstaatlichen Strukturen“ verhaftet blieb, setzten sich die Ostdeutschen umgehend „für den Aufbau einer besseren Gesellschaftsordnung und für ein friedliebendes, antifaschistisches Deutschland ein“. So zumindest sehen es die Autoren des Linken-Grundsatzprogramms. Dass der Zwangszusammenschluss von SPD und KPD zur SED nicht gänzlich freiwillig verlief, wird zwar eingeräumt, zugleich jedoch mit dem Hinweis auf den „gemeinsamen Widerstand gegen den Faschismus“ nachträglich legitimiert; zumal die KPD im Westen ebenfalls zahlreichen Repressionen ausgesetzt gewesen sei. Erst die „gesellschaftskritische außerparlamentarische Opposition“ der 60er Jahre habe der BRD zu „mehr Demokratie“ und weniger „autoritären Tendenzen“ verholfen. Ganz anders die Erfahrungswelt der Menschen in der DDR: Sie erlebten nicht nur „die Beseitigung von Arbeitslosigkeit und die wirtschaftliche Eigenständigkeit der Frauen“, sondern auch „die weitgehende Überwindung von Armut, ein umfassendes soziales Sicherungssystem, ein hohes Maß an sozialer Chancengleichheit im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in der Kultur“. Angesichts der unzähligen Opfer der SED-Gewaltherrschaft ist die Darstellung der DDR-Lebenswelt als eine bildungs- und chancengerechte nicht nur historisch bedenklich; sie grenzt an Zynismus.

Die Konstruktion von Vergangenheit – und keine Partei kommt gänzlich ohne sie aus – ist stets ein Drahtseilakt, bei dem es gilt, die Balance zwischen dem politisch Gewünschten und dem – im Sinne der Auslegung der Geschichte – historisch Machbaren zu wahren. Die Linke hat diese Balance in ihrem ersten Grundsatzprogramm weitgehend verloren.

Der Autor ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Abgeordneten Christian Lindner (FDP) im Deutschen Bundestag.

48 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben