Meinung : „Eine Mutter wird niemals …

Philipp Lichterbeck

… ihre Tochter vergessen oder irgendeinen anderen der Verschwundenen.“

Drei Jahrzehnte lang hat Estela Carlotto auf diesen Tag gewartet. So lange fordert sie nun schon Gerechtigkeit für ihre Tochter Laura und ihren Enkel Guido. Laura wurde 1978 von argentinischen Soldaten in einem Folterzentrum ermordet. Den toten Körper lieferten die Uniformierten bei Estela Carlotto zu Hause ab. Den in der Haft geborenen, zwei Monate alten Sohn Lauras entführten die Militärs, die Argentinien zwischen 1976 und 1983 regierten. Seitdem sucht Estela Carlotto nach ihrem Enkel. Nun hat der oberste argentinische Gerichtshof den Weg frei gemacht für die Verurteilung der in die Verbrechen verstrickten Militärs. Das Gericht erklärte zwei Amnestiegesetze für verfassungswidrig, die ihnen Straflosigkeit garantierten. „Es ist ein historisches Urteil“, sagt Carlotto, „seine Tragweite ist noch gar nicht abzusehen“.

Seit 1977 trifft sich Carlotto jeden Donnerstagnachmittag mit Hunderten anderer Mütter und Großmütter auf dem Plaza de Mayo im Zentrum von Buenos Aires. Sie halten Fotos ihrer verschwundenen Kinder und Enkel in die Höhe und fordern Verdad y Justicia – Wahrheit und Gerechtigkeit. Das weiße Kopftuch, das die Frauen tragen, ist zum Symbol der „Großmütter des Plaza de Mayo“ geworden. Sie sind heute eine der einflussreichsten Menschenrechtsorganisationen Argentiniens. Und Carlotto ist seit 1989 ihre Präsidentin. Die 74-Jährige mit den schlohweißen wolligen Locken wirkt fragil, doch ihr wird ein eiserner Wille nachgesagt. Sie hofft, dass nun Verfahren gegen mehr als 1600 Militärs eröffnet werden: „Jede Großmutter wird Klage einreichen.“

Bisher ist das nicht möglich gewesen, weil Argentiniens Regierungen es ablehnten, Verfahren gegen die Militärs einzuleiten. Sie beriefen sich auf zwei Amnestiegesetze der Regierung Raúl Alfonsíns aus den 80ern. Das „Schlusspunktgesetz“ und das „Gehorsamsgesetz“ wurden nicht angetastet obwohl mit der Zeit immer deutlicher wurde, dass bis zu 30000 Menschen unter teils bestialischen Umständen umgebracht worden waren. Das jetzt gefällte Urteil spiegelt einen Bewusstseinswandel der argentinischen Gesellschaft wider, es wurde auch von Präsident Néstor Kirchner begrüßt. „Das Zusammenleben mit den Verbrechern war einfach nicht mehr erträglich“, kommentierte Estela Carlotto in der Tageszeitung „Pagina/12“ die Entscheidung. Vor wenigen Jahren erfuhr sie am eigenen Leib, wie sich ein Klima der Straffreiheit auswirken kann. Mit einem Gewehr feuerten Unbekannte auf ihr Haus. „Sie wollen, dass wir die Hände in den Schoß legen“, sagte Carlotto damals, „aber ich habe mein Leben dem Kampf gegen die Straflosigkeit gewidmet.“

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