Meinung : Eine Nation aus Kultur

Deutsch denken war einmal das Gegenteil von Borniertheit Von Wolfgang Thierse

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Haben Junge und Alte, Einheimische und Zugewanderte die gleichen Grundwerte? In einer Serie von Tagesspiegel und DeutschlandRadio Kultur diskutieren prominente Autorinnen und Autoren Vorbilder, Werte und Toleranz. Zu hören sind die Beiträge sonntags um 12 Uhr 40 auf UKW 89,6.

Die deutsche Kulturnation - das war einmal ein schönes großes Wort, das die Herzen höher schlagen ließ. Da ich die Einwände schon ahne, möchte ich hinzufügen: Es war auch ein unschuldiges Wort. Was man später die „deutsche Kulturnation“ genannt hat, das ist mit Friedrich Schiller verbunden, und viel mehr noch mit seinem Zeitgenossen Johann Gottfried Herder.

Die deutsche Nation entstand, als der deutsche Nationalstaat noch in weiter Ferne lag. Die Deutschen konnten nicht auf feste Grenzen zurückgreifen, wenn sie einen Begriff von sich als Nation entwickeln wollten, auf keinen König, keine Armee. Was sie gemeinsam hatten, waren Sprache, Traditionen und Symbole, die Erinnerung an das versunkene Reich oder an große Köpfe wie Luther oder Gutenberg. Deutsch denken war damals das Gegenteil von Borniertheit. Es bedeutete Offenheit über die zersplitterten Grenzen hinweg, die Freiheit, Eindrücke von überallher aufzunehmen. Deutschland hat damals seine Lage in der Mitte des Kontinents zu einem Vorteil gemacht. Aber gerade die Lage, die so viele Chancen bot, hat auch an den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts ihren Anteil gehabt. Die Nation blieb keine rein kulturelle Veranstaltung; die Deutschen blickten nach Westen, maßen sich mit Briten und Franzosen und wollten „ihren“ Staat.

Der deutsche Nationalismus des 19. Jahrhunderts war eine unglückliche Kreuzung aus östlichem und westlichem Denken: Ein Nationalstaat – aber auf ethnischer Grundlage. Keine Staatsbürgernation wie in Frankreich und sonst in Westeuropa – aber auch keine Nation ohne Staat wie viele im Osten, kein reiner Personenverband, der gar nicht nach Staatlichkeit drängen würde.

Als die Deutschen ihren Staat bekamen, wurde der so offene, kulturelle Begriff von der Nation zu einem Mittel der Ausgrenzung. Wer Deutscher sein wollte, musste bestimmte Merkmale aufweisen, kulturelle zunächst, später so genannte „rassische“. Opfer dieser unglücklichen Kreuzung wurden schon im Kaiserreich die Juden. Sie waren bereit, sich in die deutsche Staatsnation einzufügen, wurden aber zurückgestoßen, ausgegrenzt und später schließlich verfolgt und vernichtet. Der kulturelle Nationsbegriff war nun nicht mehr unschuldig.

In der Zeit der Teilung definierten sich die beiden deutschen Staaten nicht über die Kultur, sondern über die Weltanschauung: Gegen den „wissenschaftlichen Kommunismus“ der DDR setzte die Bundesrepublik den „Verfassungspatriotismus“. Die deutsche Nation war hier bald nur noch für wenige eine ferne Verheißung. Im Osten war der Gedanke an die deutsche Nation viel lebendiger geblieben.

An der Problematik des deutschen Nationsbegriffs hat sich mit der Wiedervereinigung nichts geändert. Die Fragen, die sich uns heute stellen, sind altbekannt: Kann ein Türke Deutscher werden oder bleibt er immer ein Türke mit deutschem Pass? Reicht es, wenn ein Einwanderer die Gesetze respektiert, oder muss er sich darüber hinaus an eine so genannte Leitkultur anpassen?

Was wir tun können und müssen, ist uns vor den Folgen dieser Problematik zu hüten: mit Toleranz, mit der Erinnerung an Weltkriege und Massenmord, mit klugen, modernen Gesetzen, die die deutsche Nation mit den vielen anderen in der Welt kompatibel machen. Seien wir Deutschen eine Nation wie andere auch: gelassen selbstbewusst, ohne falsche Abgrenzungen und Ausgrenzungen – eben eine Nation mit Kultur!

Der Autor ist Präsident des Deutschen Bundestages (SPD).

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