Meinung : „Eine Renaissance des Judentums“

Caroline Fetscher

Im Mai 1964 kam er in Niederbayern zur Welt. Katholisch die Familie, die Mutter eine Musikerin jüdischer Herkunft, der Vater Sparkassenangestellter. Mit siebzehn konvertiert der belesene Junge zum Judentum. Als Student zieht er nach München, London, Leipzig, besteht Examina in Theologie, Jüdischen Studien und Wirtschaft. Er promoviert, liest die Thora, schreibt ein Buch über das Beten, geht als Manager zu Bertelsmann, als Umweltboss zu Greenpeace, als Leiter der Kulturabteilung zur Deutschen Bank. Und jetzt – bildet er Rabbiner aus.

Diese Biografie klingt ausgedacht. Aber sie gehört einem quicklebendigen Mann: Walter Homolka, Direktor des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam, das nun Geschichte macht. Denn dort werden zum ersten Mal seit der Schoah in Deutschland wieder Rabbiner für den Dienst in jüdischen Gemeinden ordiniert. Homolka erkennt in der Zeremonie, die am Donnerstag in Dresdens Synagoge mit drei Absolventen feierlich begangen wird, zu Recht „eine große Wegmarke auf dem Weg zu einer Renaissance des Judentums in Europa“.

Die künftigen Gemeinden der neuen, liberalen Rabbiner heißen München, Oldenburg und Kapstadt. Von Orthodoxen unterscheiden sie sich „durch die Überzeugung, dass die Offenbarung Gottes nicht abgeschlossen ist“, erklärt Homolka, der das Abraham-Geiger-Kolleg für Rabbinerausbildung 1999 mitgründete. Bis zum Jahr 2000 war Homolka Landesrabbiner von Niedersachsen, seit Sommer 2003 wirkt er hauptamtlich als Direktor, nachdem er im Januar 2003 zum Hauptrabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Wien ernannt worden war. Auch gute Freunde wissen selten, wo der kontaktfreudige Homolka, dem Wien und sein Stil „fast mehr liegt als Berlin“, gerade zu erreichen ist. Früher nannte man Leute, die Forschung und Literatur, Reisen und Denken in ein Leben packten, Renaissancemenschen.

Auch Marx’ Vision vom nichtentfremdeten Leben entsprach das. Heute heißen solche Leute postmodern „flexible Multitalente“, die bereit sind, sich mit schwankenden Märkten und Moden alle paar Jahr neu zu erfinden. Doch in einem bleibt sich Homolka treu: Im unerschütterlichen, unermüdlichen Einsatz für ein liberales Judentum. So beeindruckt er inzwischen auch seine Kritiker. Ökonomisch denkt Homolka auch weiterhin, etwa wenn er den Geiger-Kollegiaten versichert: „Wer bei uns abschließt, der hat bombensicher einen Job.“

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