Meinung : Eine Schreitherapie für Deutschland

Vor 15 Jahren beschloss die Volkskammer das Ende der DDR – viele Ostdeutsche leben bis heute im Niemandsland

Antje Sirleschtov

Wetten, dass sich in dieser Woche wieder alle bei den Händen halten werden. Zumindest, wenn die Kameras auf sie gerichtet sind. Wieder steht ein gesamtdeutscher Gedenktag an – und man kennt sie ja schon von zurückliegenden Freude-Daten, die Sprüche vom einig Vaterland: Die Mauer ist weg, die Einheit endlich da, nur noch ein bisschen Solidarpakt, bis im Osten auch die letzte Wiese blüht.

Und wenn die Lichter der gesamtdeutschen Freude erloschen sind - was dann?

Es war Ende August 1989, als ich eine vollkommen verwüstete Wohnung in Prenzlauer Berg betrat. Es war eine Zeit, in der es manchem in Ost-Berlin legitim erschien, mit Brecheisen die Türen der Nachbarn aufzuhebeln, um sich aus deren Schränken zu holen, was nutzbar war. Auch meine Freunde hatte man wohl tags zuvor mit großen Rucksäcken beobachtet und ganz richtig geschlussfolgert: Die machen rüber, die kommen nicht mehr zurück. Jaqueline war 27, als sie mich aus Reutlingen anrief und bat, wenigstens die Musik zu retten. Schallplatten, die wir gemeinsam gehört hatten.

Es war ein beklemmendes Telefonat, voll wehmütigen Abschieds. All die Jahre, in denen wir gemeinsam studiert, gestritten, geliebt und gelacht haben. Nun war sie weit weg im Westen, und ich blieb hier zurück. Beide irgendwie heimatlos, wie Bäumchen, denen man die Wurzeln gekappt hat. Als Lothar de Maiziere ein Jahr später, am 23. August 1990, die letzte Volkskammer der DDR auflöste und unsere Heimat den Weg in die Bundesrepublik beschritt, da war nicht nur die eine weg, da waren schon alle meine Wurzeln weg.

Mag sein, dass wir die Schnellsten waren. Heute jedenfalls, 15 Jahre danach, nennt man uns die Wende-Gewinnler. Weil wir unsere Chancen hatten, im Westen wie im Osten. Weil wir sie nutzten – jung, gut ausgebildet, mutig, mit ganz viel Glück. Ein Stück Wohlstand haben wir seither geschaffen, Freiheit genießen wir. Freundschaften schlossen wir neu – oft über die alten Mauergrenzen hinweg. Und trotzdem ist auch in uns etwas Schmerzliches geblieben. Weil kaum noch Prägendes aus dem Osten in uns ist, aber auch kein wirkliches Verständnis für den Westen. Wir leben in einem Niemandsland. Vielleicht ist auch in uns etwas von dem, was Edmund Stoiber „das Frustrierte“ nennt.

Und jetzt schimpfen sie wieder, dass es einem in den Ohren dröhnt. Die Berufsbetroffenen im Osten. Und natürlich auch die Moralisten auf der anderen Seite. Pfui Teufel, die Herren Stoiber und Schönbohm, so was darf man doch nicht: den Brüdern und Schwestern im Osten lautstark ihren Frust vorwerfen und ihnen auch noch unterstellen, dass sie – alle ja irgendwie schon noch DDR-geprägt – zu proletarischer Rohheit neigen. Jedenfalls schauen sie weg, wenn in der Nachbarschaft Kinder umkommen. Oder Schwarze verprügelt werden.

Darf man das wirklich nicht sagen? Obwohl doch so viele Feindbilder herumfliegen, von den Besserwessis und den Jammerossis. Sollen wir noch weitere 16 Jahre die Luft anhalten, uns das Heraussagen von Wahrheiten für jene wenigen privaten Augenblicke aufsparen, in denen wir uns landsmannschaftlich abgeschotteter Gesellschaft sicher sind? Gibt es ein gesamtdeutsches Grinsen, wenn nicht Ossi bei Ossi und Wessi bei Wessi steht?

Kerstin Decker nannte die DDR vor kurzem im Tagesspiegel eine Käseglocke. Stinkend zwar innendrin, aber mit einem ganz eigenen Klima, das die Westdeutschen nie erlebt haben, weshalb sie sich mit Bewertungen der klimaschädlichen Wirkungen auf die 16 Millionen Glockenbewohner zurückhalten sollten. Das mit dem Klima stimmt. Da hat Kerstin Decker Recht. Allerdings gibt es unter den 16 Millionen welche, für die der 9.November 1990 ein Tag war, an dem Frischluft unter die Glocke strömte. Solche kämen heute nicht auf die Idee, sich LPGs zurückzuwünschen – selbst bei hundert Prozent Arbeitslosigkeit im Dorf. Deshalb hat mancher heute das Gefühl, es riecht hier immer noch käsemuffig. Und je länger die DDR Geschichte ist, umso heftiger wird der Gestank – nämlich der vom schönen kollektiv-sozialen Milieu im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Selbstverständlich haben weder Schönbohm noch Stoiber zur Aufklärung in der Sache beigetragen. Genauso wenig übrigens wie seinerzeit die Super-DDR-Versteher, die auf den Bildern topfender Kindergartenkinder das nahende Rechtsradikalen-Volk zu erkennen glaubten. Aber erst die kreischende Entrüstung, die sie damals wie heute auslösten, legt den Debattenstand in einig Deutschland offen: Statt miteinander zu reden, stechen wir wahlweise mit Mistforken zu oder laufen mit Air-fresh-Sprays herum und verteilen Worte der Versöhnung. Doch Gestank hat bekanntlich eine Ursache. Deshalb wird es hohe Zeit für ein paar Wahrheiten: Sozialismus sollte man nicht mit sozial verwechseln und Aufbauhilfe nicht mit zu Demut verpflichtender Nächstenliebe.

Mit ganz besonders sorgenvollem, weil wohl bald von ganz oben gerichtetem Blick mahnt jetzt die Ost-West-Kanzlerkandidatin, man soll im Westen die „ostdeutschen Biografien“ nicht kleinreden. Wessen Biografien meint sie? An einem Wintermorgen 1988 wurde ich vom SED-Parteiorganisator des VEB-Kombinates Lacke und Farben zur Rechenschaft gezogen, weil ich nachts zuvor einem westdeutschen Kraftfahrer in der sozialistischen Werkskantine ein warmes Essen angeboten hatte. Draußen tobte ein Schneesturm, und der Mann aus Bayern hatte sich Bratkartoffeln mit Speck redlich verdient. Er sah nicht aus wie einer, der unsere sozialistischen Nachtschicht-Arbeiter mit den Botschaften des Klassenfeindes vergiftet. Eine lässliche Kleinigkeit, könnte man sagen, keinerlei Repressalien folgten ihr. Aber heute verbreitet dieser Genosse Parteiorganisator von damals als PDS-Funktionär die Lehren der menschlich-sozialen Heimat-DDR, die 1990 dem barbarischen Neoliberalismus weichen musste. Und ich frage mich: Meint Frau Merkel seine Biografie? Und wenn schon ich nur widerwillig ihrem Ruf zur Achtung folgen will, was sollen die Leute im Westen erst davon halten? Sollen die bayerischen Buben noch länger stillschweigend ihren Frust über solche Geschichten in Bierkrügen ersäufen? Nein, raus muss er endlich, der Ärger. Und baldmöglichst weg von den Stammtischen, wo sich die Tauben ihre Vorurteile über die Blinden bestätigen lassen. Gleichsam im Westen wie im Osten dieser Republik. Vielleicht fällt dann etwas mehr Licht auf den beiderseitigen Anteil am Einheitsdrama.

Einer wie Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm stünde dann freilich ziemlich blöd da. Weil man ihn zu fragen hätte, womit er in den letzten Jahren sein Geld verdient hat. Ein vorurteilsfreies Gespräch des Innenministers mit seinen Landsleuten hätte ihm Anleitung zum politischen Handeln geben können und vor allem zur Aufklärung genügt: In der DDR wimmelte es von duckmäuserischen Spießern, die penibel die Westpakete ihrer Nachbarn gezählt und an den Abschnittsbevollmächtigten gemeldet haben. Und stumpfe Regierungsbüttel gab es ebenso wie selbst ernannte systemkritische Intellektuelle, die in luxuriösen Intershop-Behausungen litten.

Nur diese eine, die Schönbohm-Bewegung, die fehlte 1990 definitiv: die das einzelne Menschenleben gering schätzenden Proletarier. Von dieser ganz besonderen Spezies des internationalen Klassenkampfes lasen auch wir DDR–Pionierchen nur noch erschrocken im Geschichtsbuch. Nämlich unter anderem dort, wo Lenin und Stalin Hunderttausende an den sibirischen Eisenbahnlinien ihrer großen Sache opferten. Oder trügt mich die Erinnerung? Haften vielleicht gar auch mir Reste sozialistischer Schul-Indoktrination an – gepaart mit dem schleichenden Verzehr eines realistischen Urteilsvermögens über die eigene Vergangenheit?

Es ist frustrierend, wie sich Politiker aller Lager jetzt ihre eigene Geschichte schönreden, wortreich in DDR-Mysterien nach Ursachen für tatsächlich stattfindende Verelendung und Verrohung großer ostdeutscher Regionen suchen oder Aufbau-Durchhalteparolen auf Marktplätzen zum Besten geben. Sie alle waren doch beteiligt am Aufbau Ost. Mittelbar im Westen, dem Reichtum versprochen wurde, wenn die Milliardengeschenke im Osten erst Früchte tragen. Und unmittelbar in Rathäusern, Kreisverwaltungen und Landesregierungen hier vor Ort.

Als 1993 in Bischofferode Männer in Angst um ihre Zukunft hungerstreikten, schickten diese Politiker Grußnoten, Geldhaufen und riefen die Jugend mit Job-Versprechen in den Westen. Ja, es war und ist noch heute richtig, wenn sich junge Menschen in Scharen ihre Zukunft im Westen suchen. Aber wer, außer ein paar Wissenschaftlern, hat sich ernsthaft darüber Gedanken gemacht, was aus den Dörfern und Kleinstädten wird, wenn nur noch die Alten, schlecht Ausgebildeten, Unsozialisierbaren, Ängstlichen – ja, die Frustrierten – übrig bleiben?

Hier müssen die Ursachen gesucht werden für Rückwärtsgewandtheit, Demokratieablehnung und zerfallende Sozialstrukturen. Denn insbesondere den Menschen, die nicht die innere Kraft zum Weglaufen in eine bessere Zukunft hatten, genügte das Sicherheits- und Geborgenheitsgefühl des sozialistischen Kollektivs zum Glücklichsein – auch wenn es die DDR nur auf einem sehr niedrigen Niveau anbot. Und sie sind es, die dieses Gefühl bis heute vermissen. Sie sind traurig, aber nicht, weil der sozialistische Ernteeinsatz in LPG-Formation so wunderbar war. Sondern, weil dem Kollektiv nach nunmehr 15 Jahren nichts nachgefolgt ist, was ihnen half, einen geachteten Platz in der neuen Gesellschaft zu finden.

Was soll man von Menschen erwarten, in deren Alltag die Kluft zwischen den an sie gerichteten Forderungen und den eigenen Möglichkeiten immer größer statt kleiner zu werden scheint? Seid flexibler, bildet euch weiter, haltet euch mit ABM, SAM und Minijobs für den großen Investor aus Übersee bereit. Solche und ähnliche Parolen erreichen die Menschen in Ostdeutschland seit dem Tag, als die Mauer fiel. Eine Fata Morgana von der industriellen Zukunft war und ist das für beinahe jede Region des Ostens – mal abgesehen von einigen Boomzentren in Dresden, Leipzig, Teilen Mitteldeutschlands und Thüringens.

Doch wie sieht die Realität dort aus, wo keine Chipfabriken stehen, wo es niemals welche geben wird? In Pasewalk bauen sie jetzt wieder mit Steuergeldern aus Gelsenkirchen eine neue Autobahn. Versprochen wurde den Einwohnern die nun aber wirklich bald bevorstehende Ansiedlung von Industrie- und Gewerbebetrieben. Obwohl auch in diesem Sommer wieder vier Fünftel aller Abiturienten den Ort verließen, kaum dass sie ihre Zeugnisse hatten. Und Ärzte fehlen, genauso wie Eltern, die ein paar Euro in die Klassenfahrt ihrer Kinder investieren. Das örtliche Jobcenter nimmt trotzdem am innerdeutschen Wettbewerb um die erfolgreichste Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt teil. Aber den 55-Jährigen, der Gemüsesuppe für ein paar mittellose Rentner kocht, den schmeißen sie nach zwölf Monaten aus seinem öffentlich geförderten Arbeitsplatz raus. Das steht so im Gesetz, Ausnahmen gibt’s nicht, könnte ja jeder kommen.

Vor kurzem hat das Magazin „Newsweek“ gefragt, warum die Deutschen noch immer Milliarden in den Aufbau supermoderner Infrastruktur in den ganzen Osten investieren. Wo doch jeder sehen kann, dass weite Teile Brandenburgs, Mecklenburgs, aber auch Regionen in Sachsen-Anhalt und Sachsen längst auf dem Weg sind, zu ihren historischen Wurzeln zurückzukehren. Wölfe werden hier in 50 Jahren wieder leben und Schriftsteller auf Fontanes Spuren durch die Natur fahren, ohne einer einzigen Menschenseele zu begegnen. Moment mal! Das klingt doch eigentlich nicht schlecht: Die High-Tech-Werker aus Dresden und Chemnitz, den alten und neuen Wohlstandsregionen des Ostens, könnten in der Lausitz Rückzugsräume finden und die Berliner am Wochenende in sauberen Seen in der Uckermark planschen.

Vor 15 Jahren ging ein Staat unter. Am 23. August, kurz vor drei Uhr morgens, verkündete Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl unter tosendem Beifall die Entscheidung. Eine große Mehrheit der Abgeordneten hatte für das Ende der DDR gestimmt. Was bleibt, ist Melancholie. Kaum noch einer fragt nach jenen Hunderttausenden, die in aussterbenden Regionen leben und nichts sehnlicher wünschen, als das mit ein wenig Anstand und Selbstachtung tun zu können.

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