Meinung : „Eine schwierige Stunde für uns alle“

Charles A. Landsmann

Er ist ein mit allen Wassern gewaschener Politiker.“ „Auch mit allen Abwassern“, fügen die zahlreichen Kritiker des amtierenden israelischen Ministerpräsidenten, Finanz- sowie Industrie- und Handelsministers Ehud Olmert hinzu. Wegen seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Parlamentarier und Minister, als Stadtoberhaupt Jerusalems und seinem untrüglichen politischen Instinkt gilt Olmert als durchaus fähig, die Regierung zu führen. Ob er auch Wahlen gewinnen kann, wird er am 28. März beweisen müssen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er Spitzenkandidat der Kadima.

Dass Olmert nicht das Scharon vorausgesagte Traumresultat erzielen wird, steht fest. Falls er aber Kadima zur stärksten Partei macht, käme das einem Triumph gleich. Olmert und Scharon saßen lange im gleichen politischen Boot, dem nationalkonservativen Likud – bis sie zusammen den Likud verließen und die neue Partei der Mitte gründete.

Olmert traf einerseits vor allem als Oberbürgermeister Jerusalems politisch dumme Entscheidungen wie die Eröffnung des Tempelberg-Tunnels oder den Bau jüdischer Wohnviertel mitten in arabischen Stadtteilen. Doch anderseits trat er schon seit Jahren für einen Rückzug aus dem Gazastreifen ein – allerdings nur im privaten Kreis. Als er Scharon diesen Vorschlag einst präsentierte, erntete er zunächst noch Spott und Ablehnung. Dennoch ist Olmert weniger ein Vordenker als intelligenter Pragmatiker oder schlauer Opportunist.

Dank seiner Frau, einer angesehenen Künstlerin, und seiner erwachsenen Kinder, allesamt politisch weiter links als er, haben sich Olmerts politische Ansichten im Laufe der Jahre geändert, sein Ruf ist der gleiche geblieben: mies. Die Israelis wunderten sich über den schnellen Reichtum des gerissenen Anwalts und lautstarken Abgeordneten, gegen dessen Raffgier eigens Gesetze erlassen werden mussten. Wenn sie heute der Politik müde sind wegen der sich ausbreitenden Korruption, dann trägt Ehud Olmert ein erhebliches Stück Mitschuld daran.

Olmerts persönlicher Charme – bei fehlendem Charisma – und sein politischer Instinkt lassen es als wahrscheinlich erscheinen, dass er den jüdischen Staat zumindest bis zu den Wahlen recht geschickt leiten wird. Im März wird er ein zumindest ebenso fähiger Kandidat sein wie seine Konkurrenten – bei allen Vorbehalten vielleicht sogar die bessere Wahl sein.

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