Meinung : Eine verlorene Jugend

Dramatische Entwicklung: Jeder dritte nichtdeutsche Jugendliche wurde 2005 straffällig

Gerd Nowakowski

Statistiken sind interpretierbar. Berlin ist sicherer geworden, sagt Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch zur Kriminalitätsbilanz 2005: weniger Morde, Totschlag, Raub, Körperverletzungen und Sexualdelikte. Berlin ist die gefährlichste Stadt Deutschlands, weil bei Umwelt- oder Rauschgifttaten weniger kontrolliert wird, hält die CDU-Opposition dagegen. Für die Union belegt dies, wie schlecht es um die Sicherheit der Stadt steht. Unerwähnt bleibt, dass es 1996 rund 100 000 Straftaten mehr gab – unter einem CDU-geführten Senat. Berlin hat die niedrigste Zahl von Straftaten seit 13 Jahren. Das ist ein Erfolg der Polizei.

Die zentrale Frage verliert man über derartige Scharmützel aus dem Blick: Geht eine ganze Generation von jungen Menschen dem Rechtsstaat verloren? Wenn jeder dritte nichtdeutsche Jugendliche 2005 straffällig geworden ist, dann hat die Polizei – und die Politik – einen Kampf nahezu verloren, bevor die Bevölkerung dessen Dramatik bewusst geworden ist. Nein, das ist keine statistische Spielerei; jeder dritte nichtdeutsche Jugendliche ist wirklich kriminell aufgefallen, manche auch mehrfach. Darüber verblasst der Erfolg der so genannten Intensivtäter-Abteilung, die viele Serienstraftäter schon aus dem Verkehr gezogen hat.

In den Problemkiezen der Hauptstadt sind diese Jugendlichen aufgewachsen mit der Erfahrung von integrationsunwilligen Eltern und einer latenten Ignoranz von deutschen Rechtsnormen. Das Ergebnis ist eine Mischung aus fehlenden Werten, Brutalität und Frust. Die anderswo diskutierte Parallelgesellschaft ist im Bewusstsein dieser Jugendlichen längst vorhanden – und macht sogar ihren Stolz aus. Damit kompensieren sie fehlende Schulabschlüsse, miserable Deutschkenntnisse, Arbeitslosigkeit und fehlende Jobchancen.

Wer den Weg in die Kriminalität stoppen will, muss eingreifen, bevor der erste Raubüberfall stattfindet. Das geht – wenn der Zwang zur Integration für Eltern erhöht wird. Kinder müssen bei der Einschulung Deutsch sprechen, und Nachzugsehen mit nahezu analphabetischen Ehefrauen aus der Türkei müssen bekämpft werden. Und es erfordert mehr Investitionen in Problembezirke. Ein Quartiersmanagement etwa kann mehr sein als eine Spielerei für Sozialarbeiter. Die Zusammenarbeit von Polizei und Quartiersmanager hat im berüchtigten Berliner Rollberg-Viertel die Kriminalität um 30 Prozent gesenkt.

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