Meinung : Eine Welt ohne Israel

Ist der jüdische Staat die Ursache des Mangels an Demokratie und wirtschaftlichem Erfolg der islamischen Welt – oder ein Vorwand?

Josef Joffe

Stellen wir uns vor, Israel hätte nie existiert. Gäbe es dann keine Not und Unterdrückung, die zornige junge Männer zu Selbstmordattentätern macht? Hätten die Palästinenser einen Staat? Wären die USA ohne diesen unbequemen Verbündeten beliebt in der muslimischen Welt? Das ist Wunschdenken. Israel ist nicht die Hauptursache der Spannungen. Es dämmt mehr Konflikte ein, als es erzeugt.

Es gibt keinen anderen Staat, dessen Image sich so brutal umgekehrt hat. Bis in die 70er Jahre wurde Israel als tapferer David bewundert, der in feindlicher Umgebung die Demokratie und die Wüste zum Blühen bringt. Inzwischen erlebt Israel eine schleichende Delegitimierung. In der weichen Version sei Israel hauptschuldig an den Pathologien des Nahen Ostens und korrumpiere zudem noch die US-Außenpolitik. So steht es seit Jahren in Tausenden von Leitartikeln rund um die Welt, von dem puren Gift in den arabischen Medien ganz zu schweigen.

In der harten Variante wird sogar Israels Existenzrecht in Frage gestellt. Israel an sich – und nicht sein Verhalten – sei danach Ursache aller Probleme in der Region. Woraus die „staatsmörderische“ Konsequenz folgt, dass die Geburt Israels 1948, bei der die USA und die Sowjetunion Pate standen, ein schwerer Irrtum war.

Eine Spielart der weichen Variante ist die „Schwanz wedelt mit Hund“-Theorie. Die „jüdische Lobby“ und die Neokonservativen hätten die Bush-Regierung in eine blinde Pro-Israel-Politik getrieben, die zugleich das nationale Interesse Amerikas beschädige. Diese Lesart sieht Bush, Cheney und Rice, alles gute Christen, in den Fängen einer jüdischen Mafia und schreibt den Juden, wie so oft, mehr Macht zu, als sie haben. Dahinter verbirgt sich ein genereller Vorwurf: Es sei illegitim, wenn Interessengruppen sich in die Außenpolitik einmischen. Doch ist dies ein zutiefst anti-demokratisches Argument. Wir können gar nicht mehr zählen, wie oft solche Gruppierungen um die Definition des „nationalen Interesses“ ringen. Gewerkschaften und Verbände fordern Importbeschränkungen oder Export-Erleichterungen. NGOs agitieren für den humanitären Krieg. In den USA sind Iren gegen London, Polen gegen Moskau, Griechen gegen Ankara und Kubaner gegen Castro zu Felde gezogen.

Eine andere weiche Variante ist die „Urgrund“-Theorie. Weil die „widerspenstigen“ Israelis die Hauptmissetäter sind, müssen sie um des Friedens willen bestraft und zurückgedrängt werden. „Mehr Druck auf Israel“, „Kürzung der Finanz- und Militärhilfe“, – das sind die Moralpredigten oder besser: Obsessionen des Kommentariats und des diplomatischen Establishments seit Jahrzehnten. Obsessionen aber breiten sich aus. Und so wird der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zum „riesigen Hindernis für die Demokratisierung, weil er all die schrecklichen und rückständigsten Aspekte des arabischen Nationalismus und der arabischen Kultur befeuert“. Der Konflikt nährt also die Pathologie und nicht umgekehrt – ein Argument, das an einen Schläger erinnert, welcher der Polizei erklärt: „Es fing an, als dieser Kerl zurückschlug.“

Die „Urgrund“-Theorie vertauscht Ursache und Wirkung. Sie ignoriert zahlreiche Konflikte, die nichts mit Israel zu tun haben. Und sie entlastet die Araber, indem sie die Schuld Israel aufbürdet. Israel ist angeblich auch Ursache für den Drang arabischer Staaten nach Massenvernichtungswaffen, weil doch auch Israel solche habe. Diese Theorie steht bloß im Widerspruch zu den Fakten. Irak hat Gas nicht gegen Israel, sondern gegen Muslime in Iran eingesetzt sowie gegen eigene kurdische Bürger. Iraks Atomprogramm, das lehrt die Befragung von Regimegetreuen im „Duelfer-Report“, war in erster Linie gegen Iran gerichtet.

Nun zur harten Variante: Israel ist nicht nur ein aufsässiger Nachbar, sondern ein unwillkommener Eindringling. Namhafte Akademiker und Schriftsteller, ob in England, Amerika oder Brasilien, sind inzwischen „widerstrebend“ zu dem Schluss gelangt, dass Israel sein Existenzrecht durch sein Verhalten verwirkt habe. Wenn das die Messlatte wäre, dürften heute an die hundert Staaten nicht mehr auf der Landkarte sein. Oder Israel sei eine „Wunde“ inmitten der islamischen Welt; deshalb könnte man den islamistischen Terror nicht loswerden, ohne diese Wunde auszumerzen. Oder die Idee eines jüdischen Staates sei „ein Anachronismus“, ein „separatistisches Projekt des späten 19. Jahrhunderts“ , das keinen Platz habe in unserer wunderbaren multiethnischen und multikulturellen Welt; es sei an der Zeit, „das Undenkbare zu denken“ und den jüdischen Staat in einem binationalen aufgehen zu lassen.

Nehmen wir also an, Israel sei ein historischer Irrtum, ohne den die islamische Welt von Algerien bis Pakistan ein glücklicherer Ort wäre. Nehmen wir an, Israel könnte per Simsalabim aus der Weltgeschichte entfernt werden und beginnen wir 1848, als Israel im Unabhängigkeitskrieg geboren wurde. Hätte eine Fehlgeburt das Palästinenserproblem im Keim erstickt? Ägypten, Jordanien, Syrien, Irak und Libanon sind nicht auf Haifa und Tel Aviv marschiert, um Palästina zu befreien, sondern um es sich einzuverleiben. Hätten sie gesiegt, wäre kein Palästinenserstaat entstanden; es gäbe bis heute Massen von Flüchtlingen (siehe die Massenflucht der Kuwaiter nach dem Einmarsch des Iraks 1990). Und angenommen, der palästinensische Nationalismus wäre zur gleichen Zeit erwacht wie es tatsächlich in den 70er Jahren geschehen ist – dann würden heute Selbstmordattentäter in Ägypten oder Syrien zuschlagen.

Nehmen wir an, Israel wäre 1967 verschwunden, anstatt Westbank und Gazastreifen zu besetzen. Jordanien und Ägypten, die diese Territorien beherrschten, hätten sie bestimmt nicht an Jassir Arafat übergeben, und schon gar nicht Haifa und Tel Aviv noch dazu. Die beiden verfeindeten Potentaten einte nur ihr Hass auf Arafat, den sie zu Recht der Verschwörung gegen ihre Regime verdächtigten. Kurzum, der „Urgrund“ palästinensischer Staatenlosigkeit hätte Bestand auch ohne Israel. Nehmen wir nun an, ein mächtiger Zauberstab könne Israel heute verschwinden lassen. Nur jene, die das Palästinenserproblem für den Kern des Nahostkonflikts halten, würden eine glückliche Zukunft für diese gestörte Region vorhersagen. Es gibt nicht „den“ Konflikt. Es gibt mindestens fünf andere, welche die Pathologien dieser Region bestimmen.

1. Staaten gegen Staaten: Israels Verschwinden würde die innerarabische Freundschaft kaum stärken. Der Rückzug der Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinterließ junge arabische Staaten, welche die Landkarte neu zeichnen wollten. Von Anfang an beanspruchte Syrien Libanon. Nur Israels Militär hielt Syrien 1970 von einer Invasion Jordaniens ab. In den 50er und 60er Jahren gab sich Nassers Ägypten als Vormacht des Pan-Arabismus und intervenierte im Jemen. Sein Nachfolger Anwar al Sadat lieferte sich andauernde Kämpfe mit Libyen. Syrien marschierte 1976 im Libanon ein und annektierte das Land 15 Jahre später de facto. Irak griff zwei muslimische Länder an: Iran 1980, Kuwait 1990. Diese Konflikte haben nichts mit Israel zu tun, aber sein Verschwinden würde gewiss nur Militärpotenziale für innerarabische Rivalitäten freisetzen.

2. Gläubige gegen Gläubige: Der Konflikt zwischen Juden und Muslimen ist nicht der einzige Religionskrieg. 14 Jahre sektiererisches Blutvergießen in Libanon, Saddams Feldzug gegen die Schiiten nach dem ersten Golfkrieg, Syriens Massaker an 20 000 Sunni-Fundamentalisten 1982, Terror gegen Ägyptens Christen in den 90er Jahren. Hinzu kommt innerkonfessionelle Unterdrückung wie im wahhabitischen Saudi-Arabien.

3. Ideologien gegen Ideologien: Zionismus ist nicht der einzige -ismus in der Region; sie ist randvoll mit rivalisierenden Ideologien. Die Baath-Parteien in Syrien und Irak haben zwar die gleichen faschistischen Wurzeln, sind sich aber spinnefeind. Nasser setzte Panarabismus und Sozialismus gegen den arabischen Nationalstaat. Baathisten wie Nasseristen wühlten gegen die Monarchien wie in Jordanien. Die frommen Chomeinisten Irans und die Wahhabiten Saudi-Arabiens sind Todfeinde.

4. Reaktionäre Utopie gegen Moderne: Die gemeinsame Feindschaft zu Israel ist das Einzige, was arabische Modernisierer und Traditionalisten davon abhält, ihre Gesellschaften zu zerfleischen. Fundamentalisten streiten gegen Säkulare und kämpfen für die Fusion von Moschee und Staat unter der grünen Fahne des Propheten. Ein kaum verhüllter Klassenkampf bringt eine kleine Mittelschicht und Millionen arbeitsloser junger Männer gegen die Machtstrukturen auf. Israel schafft diese Spannungen nicht – es dämmt sie ein.

5. Regime gegen Bürger: Israels Existenz kann nicht die allgegenwärtige Herrschaft des Polizeistaates in Nahost erklären. Mit Ausnahme Jordaniens, Marokkos und der Golfemirate, die eine aufgeklärte Monarchie praktizieren, sind alle arabischen Staaten (sowie Iran und Pakistan) Abarten des Despotismus. Im Bürgerkrieg in Algerien starben 100 000, kein Ende ist in Sicht. Saddams Opfer werden auf 300 000 geschätzt. Nach Chomeinis Machtübernahme litt Iran nicht nur unter dem Krieg gegen Irak, sondern auch unter einem latenten Bürgerkrieg. Rücksichtslose Unterdrückung ist fast überall der Preis der Stabilität.

Man braucht eine sehr lebhafte Phantasie für die Annahme, das Verschwinden Israels werde liberale Demokratien in der Region zum Blühen bringen. Gewiss darf man argumentieren, dass die „zionistische Bedrohung“ Diktaturen in den „Frontstaaten“ wie Ägypten oder Syrien begünstigt. Aber sie erklärt nicht das Blutvergießen im weit entfernten Algerien, den bizarren Personenkult in Libyen, die bigotte Kleptokratie in Saudi-Arabien, den klerikalen Despotismus in Iran oder das demokratische Defizit in Pakistan. Wenn Jordanien, das Land mit der längsten Grenze zu Israel, mit konstitutioneller Monarchie experimentieren kann, warum nicht auch Syrien?

Der jüdische Staat ist ein Vorwand für die Probleme Arabiens, nicht deren Ursache. Das Elend ist hausgemacht. Stagnation und Hoffnungslosigkeit haben drei Kernursachen. Erstens den Mangel an Freiheit, das Beharrungsvermögen der Autokratien, die Scheinwahlen, das Fehlen des Rechtsstaats, die Knebelung der Zivilgesellschaft sowie der Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Zweitens der Mangel an Bildung. 65 Millionen Erwachsene sind Analphabeten, zehn Millionen Kinder haben keinen Zugang zu Schulen. Drittens ist die Beteiligung der Frauen an Politik und Wirtschaft die niedrigste auf der Welt. Was hier zitiert wird, kommt nicht aus der Giftküche anti-arabischer Propaganda, sondern aus zwei Berichten der UN, die von arabischen Autoren verfasst worden sind.

Wird sich das alles von selbst korrigieren, wenn nur die jüdisch- westliche Beleidigung des arabischen Stolzes verschwindet? Werden die Millionen arbeitsloser junger Männer, Kanonenfutter der Terroristen, ebenfalls verschwinden? Und die Eine-Partei-Systeme, die Korruption, die geschlossenen Volkswirtschaften?

Schließlich das populärste „Was wäre, wenn“: Würde die islamische Welt Amerika weniger hassen, wenn es Israel nicht gäbe? Fünf Millionen Juden sind schuld an der Wut einer Milliarde Muslime? Der schärfste Antiamerikanismus geht von den Verbündeten Ägypten und Saudi-Arabien aus. Denn zu bequem ist es, „flatterhafte Gemüter mit fremdem Streit zu beschäftigen“, wie Shakespeare Heinrich IV. sagen lässt, um so das Volk von der Abhängigkeit vom „großen Satan“ und zugleich von der inneren Unterdrückung abzulenken.

Das alles kann weder Israels anhaltende Besetzung der Westbank und Gazas rechtfertigen, noch das Leid, das es den Palästinensern zufügt und das auch Israels Seele schadet. Es ist auch nicht jede Kritik gleich Antisemitismus, wie viele Juden rasch vermuten. Aber wer Israel die Legitimität abspricht, begibt sich in eine unheimliche Nähe zu diesem dunkelsten aller Glaubensbekenntnisse. Demnach sind die Juden allmächtig, allgegenwärtig und verantwortlich für alles Übel auf der Welt. Heute befindet sich Israel in einer ähnlichen Position: als Handlanger oder Manipulator amerikanischer Macht – gefolgt von der zwanghaften Idee, dass die Übel des Nahen Ostens zusammen mit der Schwächung oder gar Eliminierung Israels zugunsten eines binationalen Staates verschwinden würden.

Da bleibt nur der alte Witz aus dem Unabhängigkeitskrieg. Während die Kugeln pfeifen und den zwei Juden in ihrer Deckung die Munition ausgeht, knurrt der eine: „Wenn die Briten uns schon ein Land geben, das ihnen nicht gehört, warum nicht die Schweiz?“ Israel ist nur ein schmaler demokratischer Streifen in einem politisch- sozialen Umweltdesaster namens Nahost. Und das Aufräumen hat gerade erst begonnen.

Dieser Text erschien in Foreign Policy 146 (Januar/Februar 2005). www.foreignpolicy.com. Copyright 2005, Carnegie Endowment für International Peace. Dort sind auch die belegenden Zitate nachzulesen, die aus Platzgründen gekürzt worden sind. Übersetzt aus dem Englischen von Christoph von Marschall.

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