Meinung : Einführung in die Produktion

„Ich habe einen Flaschenöffner gefeilt“ und „Schüler in der Produktion“ vom 18. Juli

Die Redaktion hatte wohl an so etwas wie Goethes Wahlverwandtschaften gedacht, als sie die beiden Artikel nebeneinander platzierte. An das Fach Arbeitslehre (neuerdings WAT) hatte sie bestimmt nicht gedacht.

Herr Ide erinnert sich süffisant an seine DDR-Schulzeit. Gut aufgepasst hat er damals nicht, denn es gab kein „Fach“ PA, dieses hieß Polytechnik. Es war in drei Subbereiche aufgeteilt: Einführung in die sozialistische Produktion (ESP), Praktische Arbeit (PA), die in Patenbetrieben stattfand, und Technisches Zeichnen (TZ). ESP war eine ideologische Indoktrination, PA war einfache Hilfsarbeit, vom Patenbetrieb abhängig, und TZ war ein Lehrgang ohne Werkstückberührung.

Was uns Herr Jacobs sagen will, bleibt im Dunkeln. Jeder weiß natürlich, dass die Schulverwaltung, entgegen allen Beteuerungen, es gäbe keine Selektion mehr, es zulässt, dass „Praxisklassen“ ausgegliedert werden (bereits am Beginn der 9. Jahrgangsstufe). Diese werden dann, wenn in der Schule keine fachgerechte Arbeitslehre existiert, zu „Trägern“ geschickt. Dieser Lehrerersatz rekrutiert sich oft aus Langzeitarbeitslosen und ist für das Land Berlin kostenlos. Der Bürgermeister von Marzahn/Hellersdorf hat scharfsinnig erkannt, dass „Träger“ den Jugendlichen keine Zukunftsperspektive bieten können. Deshalb ist er stolz auf rund 50 im Bezirk ansässige Betriebe, die Zehntklässler aufnehmen. Auch ein Krisenstab wurde eingerichtet, der bei zu erwartenden Problemen interveniert. Hier haben wir nun doch die Parallele zur Praktischen Arbeit in der DDR. Was es in der DDR nicht gab, sind gut ausgebildete Arbeitslehre-Lehrer, die mit allen Schülern in modernen Werkstätten Projekte machen und eine pädagogisch elaborierte Berufsorientierung vermitteln können.

Prof. Dr. Günter Reuel,

Berlin-Charlottenburg

Stefan Jacobs hat nicht begriffen, dass das „Praxislernen“ nicht ein Schulfach ist, sondern eine schulorganisatorische Maßnahme, um Schülerinnen und Schüler aus der „einen Schule für alle“, der Integrierten Sekundarschule, zu selektieren, damit sie die Bildungsfähigen und vielleicht auch -willigen nicht weiter stören. Das Outsourcen dieser Schülerinnen und Schüler ist eine Bankrotterklärung des Bildungssystems: Sie werden zwecks Arbeitsbeschaffung an die Freien Träger verliehen, deren Qualifikation offensichtlich niemand überprüft und bei denen die vermittelten Inhalte keinem Rahmenlehrplan unterliegen. Die praktische Arbeit in Werkstätten der Freien Träger hat nichts mit betrieblicher Realität zu tun – warum werden also nicht die schulischen Werkstätten genutzt? Welchen Erfolg dieses Outsourcen hat, lässt sich zwischen den Zeilen des Artikels lesen: Bürgermeister Komoß geht davon aus, dass nur die Hälfte aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Praxislernen in dem Jahr so viel gelernt hat, dass sie im Anschluss für ein Langzeitpraktikum in einem realen Betrieb fähig sind. In einem Fach scheinen die Schülerinnen und Schüler, um die es hier geht, jedoch besonders gut zu sein: Warum sonst nennt das „Jobcenter“ wohl sein Programm „Work First“?

Detmar Grammel,

GesR i.R., Berlin-Kladow

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