Meinung : Einheitliches Auf und Ab

Berichterstattung zum Einheitsdenkmal

Als alter Berliner, ja als älter gewordener Deutscher kann man nur noch den Kopf schütteln. Da kürt eine sachverständige Jury einen Siegerentwurf und dann wird diese Jury von allen Seiten mit Hohn und Häme überschüttet. Es ist leicht, den Entwurf von Johannes Milla und Sasha Waltz für das neue deutsche Einheitsdenkmal abzulehnen. Aber haben alle diese „Runtermacher“ eine Alternative, eine bessere Idee anzubieten? Wo ist sie? Haben die Kritiker sich die übrigen Entwürfe angeschaut?

Keiner von denen bringt die Intension des Denkmals für die deutsche Einheit, die deutsche Wiedervereinigung so auf den Punkt, wie es Milla und Waltz gelungen ist: ein begehbares Denkmal, eine plastische Umsetzung der „Bewegung“, die die Einheit möglich machte.

„Das Volk“ kann die Bewegung der Denkmalschale durch Betreten und Gewichtsverlagerung herbeiführen. Welch ein Sinnbild für die Kraft des Volkes! Selbstverständlich erfordert die Höhe der Schale ein Geländer. Und was die Sorge betrifft, Skateboardfahrer könnten sie als Halfpipe missbrauchen: ein paar Schwellen oder „Berliner Schlaglöcher“ in den Asphalt eingefügt und schon vergeht denen die Lust.

Seit Eisenmanns Holocaust-Stelen haben wir doch lernen müssen (was der älteren Generation in der Tat schwerfiel), dass man ehrwürdige Denkmäler zum Sitzen, Sonnen, Frühstücken, auch zum Versteckspielen benutzen darf. Der Künstler ist ausdrücklich einverstanden.

Das alte Kaiserdenkmal repräsentierte, wie Wolfgang Thierse bei der Vorstellung des Entwurfs zutreffend formulierte, die deutsche Einheit von oben. Milla/Waltz präsentieren historisch korrekt die Darstellung der Einheit von unten. Das neue Denkmal gehört genau an diese Stelle, auf die Plattform des alten.

Das Denkmal kostet viel Geld. Die wunderbare Wiedergeburt der deutschen Einheit sollte es uns wert sein. Es wird schließlich auch ein weltweit beachteter Touristenmagnet werden.

Horst Meyer, Berlin-Lichterfelde-West

Nun sollen wir nach dem Holocaust-

Mahnmal ein weiteres Exponat von

ähnlichem Kaliber bekommen (und

bezahlen!).

Künstler haben die Eigenschaft, das, was sie ausdrücken wollen, so zu verklausulieren, dass niemand mehr erkennt, was gemeint ist. Lediglich Menschen aus der Kunstszene sind in der Lage, so verschwurbelt dreimal um die Ecke denken zu können, um da klarzukommen. Wenn einem erst erklärt werden muss, was die geplante Skulptur denn darstellen soll, ist das Thema verfehlt. Ich ahne schon, wie sie im Volksmund heißen wird: Affenschaukel. Dabei ist es unnötig, ein Einheitsdenkmal neu zu schaffen, weil es schon eines gibt: das Brandenburger Tor nämlich! Auch der letzte weit angereiste Tourist, der sich das ansieht, wird es mit der Teilung und der Wiedervereinigung in Verbindung bringen. Es ist DAS Einheitsdenkmal schlechthin! Wenn die Schlossfreiheit leer bleiben würde, wäre das nicht unbedingt ein Fehler. So wird der Blick auf die Schlossfassade nicht verstellt.

Wolfgang Neumann,

Berlin-Siemensstadt

Anstelle einer großen Spaßwippe als Einheitsdenkmal könnte ein wirkungsvolleres Denkmal in Berlin auch mit geringeren Mitteln entstehen. Man müsste bloß dafür sorgen, das Denkmal „Der Rufer“ auf der Straße des 17. Juni wieder mehr ins Bewusstsein zu bringen. Dieses wurde im Mai 1989 von einer privaten Stiftung als Mahnmal aufgestellt. Bereits 1966 hatte der Bildhauer Gerhard Marcks diese Figur für Radio Bremen geschaffen. Nach Berlin kam sie so zwar als Nachbildung, doch mit ungleich großer Mahnung zum Frieden. Der Mauerfall war bei der Aufstellung noch nicht ahnbar. Nun – mehr als 20 Jahre später – könnte eine zweite Figur als Pendant auf der Straße Unter den Linden (ebenfalls 150 Meter vom Tor entfernt) geschaffen werden: als Rufer, als Ebenbild, als Fragensteller oder Antwortgeber, als Dialogpartner. Ähnlich dem Denkmal der Luftbrücke würde automatisch jeder Passant die unsichtbare Mauer und deren Überwindung vor Augen geführt. Mensch und Sprache, Denk- und Rufrichtungen würden thematisiert. Eine kleine Geste – mit beeindruckendem Nachhall.

Stefan Rethfeld, Münster

Um Gottes willen, was soll denn diese Gigantomanie?! Je wichtiger ein Ereignis, desto mehr Denkmal-Masse muss verbaut werden?

Ich hatte gehofft, dass die Demontage des Lenin-Denkmals in Ost-Berlin nicht nur aus politischen Gründen erfolgte, sondern auch, weil diese Form der Gedenkkultur einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Und mittlerweile leben wir im 21. Jahrhundert.

Das heißt ja nicht, dass im Stadtbild nicht an historische Ereignisse erinnert werden soll. Aber wenn, dann bitte so wie mit den Stolpersteinen vor den Häusern, in denen jüdische Mitbürger gewohnt haben: alltagstauglich, unaufdringlich und dennoch betroffen machend. Den „Schöpfern“ des Einheitsdenkmals ist nichts Adäquates eingefallen. Sehr inspirierend scheint die Idee der deutschen Einheit offenbar nicht gewesen zu sein.

Olaf Stephan, Berlin-Altglienicke

Die erste Deutung, die mir einfiel, war die Wippe. Kinderspielplatz, Rummel oder so. Spaß, aber kein nachhaltiger Effekt. Irgendwie nicht ganz passend für die Aktionen, die zur Wiedervereinigung geführt haben.

Sicher wird aber genau dies einen Großteil der Anziehungskraft des Denkmals ausmachen. Man muss sich nur die vielen Schulklassen vorstellen, die die Schale zu möglichst viel und schneller Bewegung treiben wollen. Von den Skateboardern, BMXlern et cetera mal ganz abgesehen.

Wenn es der Mechanismus selbst nicht ist, der die Bedeutung erklärt, vielleicht ist es ja die Art der Anregung zur Bewegung? Viele müssen sich anstrengen und absinken, damit es wenigen gut geht, die nach oben steigen!

Das mag zwar durchaus ein Effekt der Einheit gewesen sein, aber die vielen jetzt mit einem Denkmal verhöhnen? Das war vermutlich auch nicht die Intention.

Erst in seiner Überhöhung würde also dieses Denkmal zum Einheitsprozess einen wirklichen Sinn geben: Wenn die vielen richtig kräftig drücken, können sie die da oben zum Mond katapultieren! Aber dazu ist die Konstruktion des Denkmals einfach zu träge, also passt sie schließlich doch irgendwie zu uns!

Aber ganz im Ernst: Ein wenig mehr Schärfe der Gedanken hätte ein Einheitsdenkmal schon verdient, als Kirmesattraktion täte es schließlich auch ein überdimensionales „Hau-den-Lukas“ oder eine Geisterbahn durch Berlins neue Mitte.

Hans-Georg Conradi, Berlin-Steglitz

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