Meinung : Einlenken, ohne sich zu beugen

Die Geiselerschießung im Irak: Was Europa tun kann und was nicht

Christoph von Marschall

Standhaftigkeit ist eine Stärke, zumal in der Politik. Aber sie hat auch ihre Grenze. Erst recht, wenn es um Menschenleben geht. Eine Standhaftigkeit, der es nur ums Prinzip geht, läuft Gefahr, inhuman zu werden.

Das ist der schwierige Grat, auf dem sich nun die italienische Regierung entlangtasten muss. Eine der italienischen Geiseln im Irak ist ermordet worden; die Kidnapper wollen so ihrer Forderung nach einem Abzug der italienischen Truppen Nachdruck verleihen. Und sie drohen mit weiteren Geiselerschießungen. Selbstverständlich, hat Premier Berlusconi erklärt, werde er sich so einer Erpressung nicht beugen. Ist das wirklich so selbstverständlich? Wie lange kann er das durchhalten? Was, wenn nun alle paar Tage Videos von der Hinrichtung italienischer Geiseln auftauchen? Seine Regierung muss Herz und Verstand gleichermaßen gebrauchen.

Demokratien halten solche Zuspitzungen nicht lange aus. Es geht dabei jedoch nicht allein um Gefühle, um angebliche Weichheit oder Härte. Der demokratische Staat gerät in Widerspruch zu sich selbst. Seine eigentliche Aufgabe besteht darin, das Leben und Wohlergehen seiner Bürger zu schützen. Er kann nicht tatenlos zusehen, wie andere Mächte seine Bürger ermorden, und das damit erklären, dass er doch konsequent und unnachgiebig sein müsse. Das zeigen die amerikanischen Erfahrungen im Libanon, mit Geiselnahmen, die sich quälend über Jahre hinzogen und mit dem US-Abzug aus Beirut endeten. Das illustriert das Mitleiden der Deutschen mit den Geiseln auf der Philippinen-Insel Jolo im Jahr 2000 und in der Sahara 2003. Dabei ging es dort nur um Lösegeld.

Im Irak – und beim neuesten mutmaßlichen Osama-bin-Laden-Video – geht es um mehr: um den Versuch, ganze Staaten per Erpressung zur Änderung ihrer Politik zu zwingen. Mit Bombenanschlägen auf Züge in Madrid, mit der Erschießung von Geiseln, mit dem fragwürdigen Angebot an die Europäer, sie von Terroranschlägen zu verschonen, wenn sie nur auf Distanz zu Amerika gehen. Natürlich können Regierungen darauf nicht eingehen, sie gäben sich damit selbst auf. Und würden nur zur nächsten Erpressung einladen. Morgen folgte dann die Forderung, Waffen an eine Widerstandsgruppe zu liefern. Übermorgen die nach dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan, weil auch deren friedliche Präsenz eine unzulässige Einmischung in ein islamisches Land sei – aus dem bin Laden nur zu gerne wieder eine unbedrängte Basis für Al Qaida machen würde. Und überübermorgen das Verlangen, Terroristen nicht zu behelligen, die von Europa aus Anschläge in Amerika vorbereiten.

Was also bleibt Demokratien übrig, die weder nachgeben noch tatenlos der Tötung ihrer Bürger zusehen dürfen? Sie verhandeln. Nicht offen, sondern unter der Hand; im Fall schiitischer Radikaler womöglich über iranische Kanäle. Sie versuchen zu kommunizieren, welche Forderungen sie keinesfalls erfüllen können – und wo vielleicht Spielraum besteht. Sie tun jedenfalls vieles, um Menschenleben zu retten. Manchmal selbst Dinge, die im Endergebnis auf das Nachgeben hinauslaufen, das zuvor als unannehmbar galt.

Dafür aber brauchen sie, erstens, überhaupt ein Gegenüber. Zweitens eines, das mit sich verhandeln lässt. Und das sich, drittens, an Absprachen hält. Da gibt es im Irak mehr Fragen als Antworten. Wer weiß schon, wer die Gruppen sind, die Ausländer kidnappen? Ob sie einer Regie gehorchen, einem zentralen Befehl unterstehen? Warum musste der Italiener sterben, wurden aber kurz darauf Japaner freigelassen – obwohl auch Japan Soldaten im Irak stellt? Zugleich zeigt das Verhalten des radikalen Schiitenführers al Sadr, dass er keineswegs todesmutig aufs moslemische Paradies mit Jungfrauen wartet, sondern überleben will – dass also auch er verhandeln muss.

Es gäbe einen mächtigen Verbündeten gegen die Geiselnahmen: das irakische Volk. Es müsste das freilich wollen und seine Bedeutung erkennen. Als Erstes ziehen die Hilfsorganisationen und Regierungen die zivilen Aufbauhelfer ab: die Spezialisten, die Krankenhäuser, Kraftwerke, Schulen aufbauen, die Straßen und Ölpipelines reparieren. Die Geiselnehmer strafen den Westen. Doch vor allem schaden sie den Menschen im Irak.

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