Einwanderung : Die Integrationsindustrie

Deutschland muss Einwanderung endlich gezielt steuern, um seine Zukunft zu sichern. Dabei hilft es wenig, wenn blindwütig Konzepte erarbeitet werden, die schon vor 30 Jahren auf dem Tisch lagen.

Ein Kommentar von Seyran Ates

Ich kann nicht sagen, wie oft ich schon danach gefragt wurde, wie ich mich selbst bezeichnen würde. Als deutsche Türkin, als türkische Deutsche, türkisch-kurdische Deutsche, Deutsch-Türkin, Deutsche mit Migrationshintergrund, Deutsche, Türkin?

Lange Zeit habe ich mich über diese Frage und vor allem über die Fragesteller geärgert. Inzwischen ist es weniger Ärger als Wut darüber, dass diese Frage so aktuell ist wie 1983, als unser Buch „Wo gehören wir hin?“ erschien. 1986 war ich in den USA – und hatte dort das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, ich zu sein, nur ich, Seyran Ates. Niemand fragte danach, wo ich herkomme. Und wenn die Frage dann doch kam, war es mehr die Frage danach, woher ich als Tourist, der ich dort nun mal war, komme. Die Frage war weder unterlegt noch ausgesprochen mit der Frage „Wann gehst du zurück?“.

Ich war begeistert von dem Gefühl, das ich in den USA hatte, und wünschte es mir fortan auch in Deutschland zu haben. Ich dachte, wenn Deutschland ein Einwanderungsland werden würde, dann würde sich dieses Gefühl auch hier einstellen. Inzwischen glaube ich, dass dafür mehr passieren muss. Meiner Ansicht nach gehört die Zukunft nur den echten Einwanderungsländern, die auf eine transkulturelle Gesellschaft und Identität bauen. Wahrscheinlich werde ich es nicht mehr erleben, dass Deutschland so wird. Ich hoffe aber, dass wir Anhänger und lebenden Beispiele der Transkulturalität einen Weg dahin ebnen können.

Dazu müsste sich in Deutschland der Schwerpunkt der sogenannten Integrationsdebatte verändern. Wir müssten darüber reden, wie Deutschland ein Einwanderungsland wird – mit Blick auf die Realitäten in Deutschland und Europa. Deutschland in puncto Einwanderungsgesellschaft mit den USA zu vergleichen, ist falsch. Die USA haben das Selbstverständnis, ein Einwanderungsland zu sein. Die überwiegende Mehrzahl der dort lebenden Menschen kann sich bereits nach kurzer Zeit der Einwanderung stolz als Amerikaner bezeichnen – bei allen Problemen, die bleiben, etwa der weitgehenden politischen und sozialen Machtlosigkeit der wenigen noch vorhandenen Ureinwohner oder dem Ethnochauvinismus in vielen Ghettos in den USA.

Seit dem 11. September 2001 wurde über Deutschland als Einwanderungsland wahrscheinlich mehr geschrieben und geredet als in den 40 Jahren zuvor. Nun kennen wir „die Deutschen“ als diskutierfreudiges Volk und können daher gut verstehen, dass wir erst mal ein paar Jahre benötigen, um alles zu definieren, was mit Einwanderung zu tun hat, in der Hoffnung, dass am Ende Taten folgen. Demzufolge sollten wir vielleicht geduldiger sein. Aber die Realitäten überholen uns längst – und die kommenden Generationen haben einen Anspruch auf einen Plan, wohin es gehen soll. Ein wirklich gutes Konzept für das Zusammenleben vieler Kulturen, Religionen und Sprachen haben wir nach meinem Dafürhalten nicht. Denn die Aussage allein, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei, reicht nicht aus, um tatsächlich eins zu sein. Genauso wenig wie Helmut Kohls Aussage – immerhin 16 Jahre lang –, „Deutschland ist kein Einwanderungsland“, dazu geführt hat, weitere Zuwanderung und die demografische Entwicklung Deutschlands in Richtung Einwanderungsland zu verhindern. Wer dem Motto folgen will, „Was drauf steht, ist auch drin“, muss dafür sorgen, dass der Inhalt stimmt. Das umgekehrte Mantra reicht nicht aus.

Wo ist der wirkliche Plan, der Deutschland zu einem echten Einwanderungsland machen könnte? Deutschland wird erst dann ein Einwanderungsland, wenn wir ein Einwanderungsgesetz haben, welches die gezielte und gewollte Einwanderung überwacht und damit gesteuerte Zuwanderung ablöst. Erst dann wird in den Köpfen aller Menschen in Deutschland ein Paradigmenwechsel stattfinden.

Wir müssen akzeptieren, dass wir die Chancen, die eine multikulturelle Gesellschaft mit sich bringt, in den letzten Jahrzehnten nicht nur nicht wahrgenommen, sondern verantwortungslos verhindert haben. Es wäre für die Identitätsfindung der dritten Generation der sogenannten „Menschen mit Migrationshintergrund“ (meist Deutsche per Pass) hilfreich gewesen, sich zum Beispiel mit dem Thema Heimat, gesellschaftliche und ökonomische Partizipation, Chancengleichheit und Religionsfreiheit intensiver, eingehender und nachhaltiger in Schulen und Universitäten zu beschäftigen. Für beide Seiten. Dazu benötigen wir aber einen Dialog auf Augenhöhe. Und hier ist ein weiterer riesengroßer Unterschied zwischen den USA und Europa. Der klassische Migrant in Europa und Deutschland ist bildungsfern. Warum sind die meisten Menschen in Deutschland mit „Migrationshintergrund“ gering qualifiziert? Ganz einfach, nach dem Zuwanderungsgesetz hatten und haben diese Gruppen die größten Chancen, nach Deutschland zuzuwandern.

Eine Einwanderung nach Deutschland, wie sie in klassischen Einwanderungsländern praktiziert wird, ist kaum möglich. An dieser Stelle schreit der gute Deutsche auf und sagt: „Warum werden die armen Migranten abgewertet als bildungsfern? Sie haben doch nur soziale Probleme.“ Wenn die sozialen Probleme gelöst würden, so heißt es weiter, würden aus allen Migrantenkindern Ärzte, Rechtsanwälte, Piloten oder Architekten. Ich glaube nicht, dass das so einfach ist. Ich glaube daran, dass sehr viele Migrantenkinder keine Bildungschancen bekommen und auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt diskriminiert werden. Ich glaube auch nicht, dass alle Migrantenkinder per se intelligenter sind als deutsche Kinder, wie eine fundamentalistische, muslimische türkische Frau mir weismachen wollte. Wenn die meisten Migrantenkinder von Geburt an erfahren, dass sie nun einmal anders sind als „die anderen“, und diese anderen nicht gut zu ihnen sind, können diese Kinder, auch wenn sie wollten, von „den anderen“ nichts annehmen. Auch von dem urdeutschen Lehrer nicht. Sie befinden sich ständig in einem Identitätskonflikt. Die Loyalität zu den Eltern und ihrer „Herkunftskultur“ werden in Konkurrenz zu der westlichen Welt gesetzt. Hier sehen diese jungen Menschen aber Dinge, an denen sie durchaus gerne partizipieren würden. Die Moderne und deren demokratische Errungenschaften sind nicht allein vom Westen oder von Christen und Juden gepachtet.

Es ist selten, dass Kinder und Jugendliche in der Lage sind, diesen Spagat allein zu bewältigen. Aber es gibt sie, die Kinder aus der zweiten und dritten Migrantengeneration, die sich in beiden, in der urdeutschen und der sogenannten Herkunftskultur, beheimatet fühlen. Sie hatten die Chance, beide Seiten authentisch kennenzulernen, sie sprechen, denken, fühlen und träumen in beiden Sprachen und haben eine Identität gefunden, die getragen von beiden Kulturen etwas Neues, subjektiv Positives ergibt. Keine Zerrissenheit und kein Loyalitätskonflikt, sondern eine starke Identität, eine transkulturelle Identität ohne Klischees und Schablonen wie „die anderen“ und „wir“, ohne Kulturchauvinismus, fundamentalistisches und nationalistisches Denken.

Diese Menschen sind stark, weil sie sich nicht damit aufhalten, das eine gegen das andere auf- und abzuwerten, weil sie keine Scheu davor haben, sachlich und emotional die Errungenschaften einer zivilen demokratischen Gesellschaft, die sich den Menschenrechten verpflichtet, zu verteidigen.

Einwanderung ist zudem auch eine emotionale Angelegenheit. Dazu gehört etwa die Debatte über Werte und Leitkultur. Das Problem ist nur, dass oft eine sehr emotionale Debatte geführt wird, weil keiner richtig weiß oder wissen will, worüber der andere spricht. Die Kultur der Zuhörens ist hier am schlechtesten verbreitet. Es gibt Menschen, die bekommen inzwischen fast einen allergischen Ausschlag, wenn sie das Wort „Leitkultur“ hören. Ich habe den Eindruck, dass sich in der Sekunde bei vielen angeblich „guten Menschen“ das Gehirn abschaltet und auf stur stellt. Ich muss zugeben, dass mir diese Momente hie und da regelrecht Freude machen, weil es manchmal einen komödiantischen Touch hat – und Humor ist etwas, was uns wirklich helfen könnte.

In den letzten Jahren ist tatsächlich eine Art „Integrationsindustrie“ entstanden, die davon lebt, dass Integration nicht stattfindet. Wer will sich schon selbst wegrationalisieren? Dieser Trend wird nun durch diverse Gipfel fortgeführt, die Integrationskonzepte erarbeiten, nationale und regionale. Ein regelrechter Wettbewerb. Dabei wird nahezu blindwütig ausgeblendet, dass bei internationaler Betrachtung Integrationskonzepte keine Lösung sind. Ganz zu schweigen davon, dass vieles, was in den Konzepten steht, schon vor mehr als 30 Jahren niedergeschrieben wurde. Kleine und größere sogenannte Integrationserfolge helfen uns in Deutschland nicht weiter. Denn die Zahl der Problemfälle nimmt signifikant zu.

Ich glaube daran, dass ein Ministerium für Einwanderungs- und Einbürgerungsangelegenheiten eine wichtige Einrichtung wäre. Nur auf die Zusammensetzung dieses Ministeriums kommt es an. Es darf nicht sein, dass Einwanderungspolitik nur von Urdeutschen gemacht wird. Und es darf nicht sein, dass Einwanderungspolitik eine regionale Angelegenheit bleibt, wo vieles besser läuft.

Wenn die bisherigen Maßnahmen keinen oder nur geringen Erfolg zeigen, dann liegt das auch daran, dass die Herren und Damen, die an der Spitze der vielen beteiligten Ministerien sitzen, sich erst in mühseliger Detailarbeit Wissen erarbeiten müssen. Leider hatten und haben sie nicht immer die richtigen Berater an ihrer Seite. Ich warte ganz gelassen in diesem Punkt auf einen Generationswechsel. Dann wird Deutschland einen größeren Schritt nach vorne machen. Es wartet eine Schar interkulturell und transkulturell begabter und hochqualifizierter junger Menschen auf ihre Chance, diese Gesellschaft zu verändern.

Denn gegen die Alterung werden auch „dickbäuchige“ konservative Funktionäre nicht ankommen. Wenn mittlerweile bei diversen Integrationsgipfeln und Beiräten auch Einzelpersonen wie ich sitzen, wird dieses Bild sehr deutlich. Die bisherigen Berater der deutschen Politik sehen ihre Felle schon davonschwimmen – und scheuen sich nicht davor, uns mit Polemik und persönlichen Angriffen zu diffamieren. Über Transkulturalität können wir mit diesen Herren nicht diskutieren, weil sie sich noch zu sehr als Hüter ihrer eigenen Kultur sehen.

Die sozialen Probleme will ich aber nicht ganz vernachlässigen. Auch wenn die Qualifizierten unter den Zuwanderern eine Anerkennung ihrer Qualifikation erreichen, gut Deutsch sprechen und einen guten Schulabschluss haben, wird es in Deutschland nicht genug Arbeit für jeden geben. So suggeriert die Feststellung, die wir inzwischen immer wieder hören, „Regionen, die kulturelle Vielfalt positiv nutzen, profitieren von einer höheren Produktivität, stärkerem Wachstum und mehr Innovationen“, dass damit alle Probleme des Zusammenlebens vieler Kulturen zu lösen wären.

Das ist jedoch nicht der Fall. Zum einen ist Einwanderung nicht bloß eine wirtschaftliche Größe. Zum anderen ist gute Integrationspolitik keine Lösung für schlechte Arbeitsmarktpolitik. Einwanderungspolitik ist eine Querschnittsaufgabe. Sie schließt nicht nur alle Kulturen, Religionen und Sprachen und jedes Ressort mit ein. Einwanderungspolitik kann ohne eine stabile Bundespolitik nicht funktionieren. Denn der unzufriedene, durchschnittliche, bildungsferne Urdeutsche wird seine Wut über sein miserables Leben meist an dem „Ausländer“ auslassen, der ihm die Arbeit wegnimmt oder sonstwie für sein Unglück verantwortlich ist. Und der strukturell benachteiligte „Ausländer“ wird „Deutschland“ nie als Heimat annehmen können, weil er sich ausgegrenzt und als Mensch zweiter Klasse fühlt.

Will Deutschland ein wirkliches Einwanderungsland werden, müssen der unsägliche Kulturrelativismus, der Nationalismus und der religiöse Fundamentalismus überwunden werden. Eine transkulturelle Gesellschaft kennt das alles nicht, weil sie sich auf die Wertschätzung und Verantwortung des einzelnen Menschen konzentriert und nicht die Abgrenzung zu „Fremden“, „anderen“ oder „Andersgläubigen“ sucht.

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