Ein Zwischenruf zu den Armen : iPhone, aber sonst nichts

Materiell sind die Armen besser dran als früher. Ein wichtiger erster Schritt. Doch wenn der zweite fehlt

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Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.
Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.Foto: dpa

Ausstattungsstandard bei einer Familie, die in der zweiten Generation von staatlichen Transfermitteln lebt: Neubauwohnung mit Balkon und Fernheizung, Wasch- und Geschirrmaschine, Flachbildfernseher, Internetanschluss, MP3-Player, Spielkonsole, neueste Smartphones für jedes handyfähige Familienmitglied. Ist eine solche Familie arm? Nach der offiziellen Definition ja, denn das Transfereinkommen, einschließlich Miete, liegt bei knapp 2000 Euro (vier Personen). Doch was die technischen Geräte angeht, ist sie oft besser ausgerüstet als arbeitende einkommensstärkere Familien. Das provoziert viele zu säuerlichen Reaktionen wie: Das könnte ich mir nicht leisten, die haben mehr als ich.

Mehr hat das Prekariat aufs Ganze gesehen keineswegs. Richtig ist aber, dass selbst die meisten Armen heute materiell einen Lebensstandard genießen können, der noch vor fünfzig Jahren unvorstellbar war für fast alle. An der Handyqualität unterscheidet sich aber nicht, wer arm oder wer wohlhabend ist. Globalisierung und technischer Fortschritt haben hier die Grenze beseitigt. Geräte werden heutzutage als Massenware in Billiglohnländern produziert. Von Jahr zu Jahr sinken die Preise. Und wer gestern noch in Deutschland als gering qualifizierter industrieller Hilfsarbeiter, etwa bei Siemens, Geräte montiert hat, ist heute arbeitslos oder Geringverdiener in der Servicebranche. Das reicht zwar zum Einkaufen im Media Markt, doch nicht zum sozialen Aufstieg. Dazu gehört mehr, nämlich ein anregendes und forderndes soziales Milieu. Fehlt das, muss es durch außerschulische Unterstützung kompensiert werden. Für teure Nachhilfe aber reicht das Einkommen nicht, selbst beim Verzicht auf technischen Schnickschnack. Manche, auch Eingewanderte, verschaffen sich als Kleinunternehmer die nötigen Investitionsmittel für die Bildung ihrer Kinder. Die meisten aber überlassen es der überforderten Kita und Schule, die familiäre geistige Anspruchslosigkeit zu kompensieren.

Materiell sind die Armen besser dran als früher. Ein wichtiger erster Schritt. Doch wenn der zweite fehlt, Stärkung des Aufstiegwillens, war das nur die halbe Sache. Keine Konzepte bisher. Oder interessiert das gar keinen mehr? Nicht mal mehr die Armen selbst?

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