Ein Zwischenruf zu den … : … Neonazi-Morden

18.01.2012 08:10 UhrVon Barbara John

Seit wir Gewissheit haben, dass eine Mörderbande mit Einwurzelung in der Nazidenke neun Einwanderer erschossen hat, ohne dass die ermittelnden Beamten (ein paar tausend) auch nur eine ernsthafte Spur in das wiederauferstandene nationalsozialistische Milieu verfolgten, überlege ich oft, wie das geschehen konnte.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es nicht nur an Pannen, Versäumnissen und Länderegoismen gelegen haben kann. Wer das glaubt, bleibt an der Oberfläche des Geschehens. Das Versagen des staatlichen Sicherheitsnetzes ist nicht die Ursache; es ist die Folge einer tiefer liegenden Pflichtvergessenheit.

Wie konnte es sonst passieren, dass die Fahnder nicht zwingend und hartnäckig im rechtsradikalen Sumpf ermittelt haben, als die Serie begann?

Ein Opfer nach dem anderen war Einwanderer, nicht einfach ein Mann oder ein Kleinhändler, nein ein „Ausländer“. Genau aber das weckte bei den Ermittlern total einseitige, vorurteilsbehaftete Reflexe wie Rivalität, Mafia, Verwandtschaftsstreit. Nie eine heiße Spur in dieser Richtung. Auch als allen Sicherheitsbehörden endlich auffallen musste, dass Deutschland mit der Mordserie einen „furchtbaren Rekord“ hält: Noch nie in Europa waren so viele ausländische Kleinunternehmer in einem überschaubaren Zeitraum ermordet und kein Täter ermittelt worden, kam kein bohrender Gedanke an rechte Hassverbrechen auf.

Wie ist das zu erklären? Ich mag es gar nicht aussprechen: Es ist die deutsche Bagatellisierung rechter Menschenfeindlichkeit. Was den Neonazis am hassenswertesten erscheint, ist die „Durchrassung“ verbunden mit der Erkenntnis, dass die Deutschen mehrheitlich längst der Naziideologie abgeschworen haben. Also handelt die verbliebene „Zelle“ jetzt für das „Volk“. Wenn jemand in Europa wissen kann, wie grausam und zerstörerisch rechte Wahnvorstellungen sind, dann wir, die Deutschen. Wir haben es erlebt und doch vergessen, obwohl vieles noch allgegenwärtig ist (Internet, Aufmärsche, Alltagsgewalt). Wer nun sagt, dass Neonazis Staat und Demokratie am stärksten bedrohen, der irrt. Nicht die Institutionen brauchen jetzt größtmöglichen Schutz, sondern gefährdete Menschen: an erster Stelle Einwanderer und sozial Schwache.

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