Ein Zwischenruf zum … : … Flagge zeigen

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Wenn von Einwanderung die Rede ist, dreht es sich fast nie um die Einheimischen, sondern fast ausschließlich um die Eingewanderten. Anpassen sollen sich die Ankömmlinge, so eine verbreitete Erwartung. Aber wie plötzlich in einer Einbahnstraße unerwarteter Gegenverkehr auftauchen kann, gibt es auch unvorhergesehene Änderungen im Verhalten der meisten Deutschen. Einige davon sind inzwischen so selbstverständlich, dass sie kaum noch auffallen, missen möchte sie auch niemand mehr, denn sie wirken befreiend von Zwängen, die uns einst lieb und sehr deutsch waren.

Was gleich ins Auge springt, ist die neue Lust der Deutschen am „Flaggezeigen“. Was war das doch für ein Geschrei bei Sozialarbeitern, Lehrern und Medien, wenn in den neunziger Jahren Schüler mit türkischen Wurzeln die türkische Fahne beim Fußballgucken im Jugendfreizeitheim schwangen oder gar in der Schule damit anrückten. Heute gehört, neben vielen anderen Farben, auch das schwarz-rot-goldene Fähnchen zu jedem internationalen Sportereignis. Wer hat nicht auch schon Kopftuchträgerinnen im deutschen Fahnen-Look gesehen? Und von wem haben wir die Freude am nationalen Symbol kopiert? Von den Einwanderer-Jugendlichen.

Längst haben wir in unseren Speiseplan exotische Früchte und Mittelmeer-Gemüse eingebürgert. Aber wie wir heute einkaufen, das galt bis vor kurzem noch als asozial und undeutsch. Wer sich eigenhändig die besten Stücke aussuchte und in die Tüte packte, wie wir es heute alle tun, wurde des Ladens verwiesen. Schreit uns heute noch jemand an und wirft herablassende Blicke? Im Gegenteil. Wir werden geradezu aufgefordert, zuzugreifen. Wieder so eine Erlösung.

Ich bin auch sicher, dass heute keine Partei mehr eine Wahl gewönne mit der Forderung, die doppelte Staatsbürgerschaft nicht zuzulassen. Seit die Zahl hier geborener Kinder aus binationalen Partnerschaften, die automatisch Doppelstaater sind, stetig wächst, schwindet die Hysterie darüber. Uns scheint zu dämmern: Wer Zwänge verliert, gewinnt neue Freiheiten. Wem das nicht mehr gelingt, der erstarrt.

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