Ein Zwischenruf zum … : … Oranienplatz

Flüchtlinge in Berlin: Noch wirkt der Schutz des Bezirks Kreuzberg-Friedrichshain wie eine Verheißung. Täglich kommen mehr Hoffende. Doch einen Plan B scheint es nicht zu geben.

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Die Grünen stellen in Friedrichshain-Kreuzberg die Bürgermeisterin. Doch nicht einmal der Müll wird getrennt.
Die Grünen stellen in Friedrichshain-Kreuzberg die Bürgermeisterin. Doch nicht einmal der Müll wird getrennt.Foto: dpa

An der Stelltafel vor dem Flüchtlingscamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz hängt ein Zettel: Der Winter kommt bald. Wir brauchen Schlafsäcke, Heizung, warme Kleidung, Gas (Gaskocher?). ETC. Bitte helfen.

Ja, die Flüchtlinge, die meisten kommen aus Afrika, brauchen dringend Hilfe, aber nicht in Form einer Überwinterungsausrüstung. Was sie viel dringender brauchen, ist eine Perspektive. Nur, die bietet der Aufenthalt in Kreuzberg ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Je länger sie dort hausen und auf bessere Zeiten hoffen, desto schlechter werden die für sie. Das gilt auch für die rund 200 Personen, die sich in einem alten Schulgebäude in der Ohlauer Straße aufhalten. Auch hier eine Ansammlung von Gestrandeten, darunter Flüchtlinge, außerhalb und innerhalb von Asylverfahren, mit und ohne Aufenthaltsstatus, Armutswanderer, Drogenabhängige. Was bewegt all diese Verschiedenen zur Gemeinsamkeit in Kreuzberg?

Viele Gründe: endlich soziale Wärme, angenommen sein, zumindest vorübergehend. Das Gefühl der Ausweglosigkeit lässt sich so leichter ertragen. Sie werden mit ihren Schicksalen wahrgenommen, materiell und moralisch unterstützt, und zwar nicht nur von der politisch radikalen „Revolutionären Flüchtlingsbewegung“, sondern weitaus kräftiger und selbstloser von völlig unrevolutionären, durch und durch hilfsbereiten Bürgern. Was aber vor allem zählt, ist der Beistand von Bündnis 90/Die Grünen, die im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Bürgermeisterin stellen. Doch was ist der wirklich wert? Zwar reichen die bezirklichen Kompetenzen, öffentliche Räume für ungewöhnliche Nutzungen zur Verfügung zu stellen und dafür zu bezahlen (aus Steuermitteln, nicht aus Spenden). Aber Räumungen verhindern, etwa wegen gesundheitlicher Gefährdungen, kann auch das allergrünste Bezirksamt nicht. Außerdem: Wer will schon sein Leben in lagerähnlichen Zuständen verbringen ohne Aussicht auf Zukunft? Noch wirkt der Schutz des Bezirks wie eine Verheißung. Täglich kommen mehr Hoffende. Doch einen Plan B scheint es nicht zu geben. Wir sehen das alte Dilemma vieler Grüner: Viel moralistischer Aktionismus, statt realistische, auch schmerzliche Alternativen anzubieten.

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