Ein Zwischenruf zur Kitapflicht : Zwanglos überzeugen

Wer Eltern zu ihrem Glück zwingen will, erzeugt Widerstand. Doch nicht nur deshalb hätte eine Kita-Pflicht schädliche Nebenwirkungen.

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Glücklich durch Gesetzeszwang?
Glücklich durch Gesetzeszwang?Foto: dpa

In Frankreich haben Kindergarten und Universität begrifflich etwas Gemeinsames: Sie fangen an mit dem Wort école. Für die Großen ist es die école supérieure, für die Kleinen die école maternelle. Und tatsächlich geht es in der traditionsreichen französischen Früherziehung schon um den Erwerb zahlreicher Kompetenzen, die im deutschen Kindergarten noch als zu anspruchsvoll (schulbezogen) verketzert werden. Die hohe Lernqualität in Frankreich ist gewiss nicht der einzige Grund, warum schon Dreijährige die école maternelle zu hundert Prozent besuchen. Es ist die mit Abstand höchste Teilnahmequote in allen OECD-Staaten (34), obwohl es keine Kitapflicht gibt. Entscheidend ist wohl die über Jahrzehnte gewachsene Gewissheit von Eltern, dass die Einrichtung ihren Kindern und ihnen guttut.

So sehen es auch viele Eltern in Berlin, aber eben noch nicht alle. Das veranlasste kürzlich den Fraktionschef der Berliner SPD, Raed Saleh, Eltern mit der Gesetzeskeule zu drohen und die Kitapflicht ab drei Jahren zu fordern. Sein richtiges Argument: Gekonnte frühe Bildung ist (in der Regel) die Grundlage späterer Schulerfolge. Deshalb alle rein in die Kita und sei es mit der Brechstange. Ja, Kita kann noch viel mehr: beispielsweise Kinder mit Lernstörungen und Behinderungen oft vor lebenslanger Abhängigkeit bewahren durch Früherkennung.

Aber wer Eltern zu diesem Glück zwingen will, erzeugt Widerstand. Dass weiß doch jeder. Außerdem gibt es schädliche Nebenwirkungen, denn Pflichten müssen kontrolliert und bei Nichterfüllung sanktioniert werden. Müssen Eltern künftig damit rechnen, dass morgens die Kitabehörde (mit polizeilichen Befugnissen ausgestattet) vor der Tür steht, um das schreiende Dreijährige abzuholen, nachdem es einige Tage nicht in der Kita erschienen ist? Na ja, so nicht, aber Bußgelder müssen sein! Nur, bei den üblichen Verdächtigen lässt sich doch kein Cent einklagen.

Zwanglos überzeugen, wie in Frankreich, könnte so beginnen: Schickt den noch Kitafernen (etwa 4 Prozent in Berlin) einen Gutschein ins Haus mit den Anschriften und Verbindungsdaten der Kitas mit freien Plätzen in der Nähe. Was, die gibt es derzeit nicht? Die Kitaausbau-Pflicht jedoch schon lange. Schon zu hundert Prozent erfüllt? Fehlanzeige!

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