Eklat vor der Buchmesse : Hier sind die Worte frei

China hat die Frankfurter Buchmesse gedrängt, zwei Regimekritiker auszuladen. Das darf man sich als Gastgeber nicht bieten lassen

Benedikt Voigt

Vor den Olympischen Spielen in Peking hatte Chinas Staatspräsident Hu Jintao die Gäste ermahnt: „Don’t mix politics with games.“ Die Welt hat sich mehr oder weniger daran gehalten. Ein Jahr später kann und will China selber die Politik nicht aus Sport und Kultur heraushalten: Bei den Weltspielen der Gehörlosen in dieser Woche in Taiwan, das von China politisch nicht anerkannt wird, haben chinesische Sportler und Funktionäre die Eröffnungsfeier boykottiert. Beim Filmfestival in Melbourne im vergangenen Monat zogen chinesische Regisseure ihre Beiträge zurück, weil ein Film über die uigurische Regimekritikerin Rebiya Kadeer nicht aus dem Programm genommen worden ist. Und nun der Zwischenfall beim China-Symposium der Buchmesse.

Als die chinesischen Regimekritiker Dai Qing und Bei Ling ein Eröffnungsstatement abgaben, verließen einige chinesische Delegierte den Raum. Das sollte nicht überraschen. Chinas Zensurbehörde hatte zuvor darauf gedrängt, die beiden auszuladen; nun ging es den Chinesen darum, das Gesicht zu wahren. Am Bedeutsamsten ist freilich, dass die Delegation wieder zurückkam. China will offenbar seinen Auftritt als Gastland auf der Buchmesse vom 14. bis 18. Oktober nicht platzen lassen. Zwei Wochen nach dem 60-jährigen Jubiläum der Gründung der Volksrepublik will Peking seine Rückkehr unter die größten Kulturnationen dokumentieren. Dafür ist es am Samstag einen ungewöhnlichen Kompromiss eingegangen. Es hat sich nach dem Protest öffentlich mit Regimekritikern auseinandergesetzt.

Aber auch die Buchmesse hat gelernt. Sie hat gemerkt, dass es ein Fehler war, dem zwischenzeitlichen Druck Chinas nachzugeben und Dai Qing und Bei Ling auszuladen.Wenn sich noch nicht einmal eine Buchmesse der Verteidigung des freien Wortes verpflichtet fühlt, wer dann? Chinas Zensur darf nicht bis nach Deutschland reichen, wo das Recht auf freie Meinungsäußerung umgesetzt werden darf. In Peking hatten die Olympia-Organisatoren von den Gästen verlangt, die chinesischen Gesetze zu respektieren. Das gilt auch umgekehrt.

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