Elektronische Medien : In der Dämmerung des Gutenberg-Zeitalters

Noch sind das Buch und die Zeitung sehr lebendig. Aber die digitale Ära wird die alte Print-Kultur verändern.

Peter von Becker

Am 8. Mai 2009 gedachte das freitägliche Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ schon auf dem Titel einer epochalen Zäsur: „Das Internet macht Druck, die Auflagen schwanken, die Einnahmen sinken: Die klassischen Medien müssen sich der größten Sinnkrise ihrer Geschichte stellen.“ Also fragte das Heft der Zeitung: „Warum Zeitung?“

Auch im Fernseh- und Internetzeitalter sind die klassischen Medien noch immer die gedruckte Zeitung und das gedruckte Buch. Doch die großen Papiertiger sind erschüttert. Im letzten Jahr häuften sich die Meldungen über immer neue Gewitterzeichen bei internationalen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen. Am spektakulärsten dabei die Millionenverluste und Kürzungen beim Flaggschiff der amerikanischen Presse, der stolzen „New York Times“. Die „Times“ musste sogar das eigene Haus im Zentrum von Manhattan verkaufen und von einem Investor zurückmieten. Eine Demütigung, ein Menetekel?

Manche hielten das bis vor kurzem nur für eine Folge der allgemeinen Wirtschaftskrise. Gewiss, sagten sie, gibt es seit Jahren das Onlineproblem. Zeitungen und Zeitschriften machen sich mit ihren immer besseren Internet-Portalen selber immer heftiger Konkurrenz, ohne damit wirklich Geld zu verdienen oder so nennenswert neue Leser auch für ihre gedruckten Hauptprodukte zu gewinnen. Hinzu kommt, dass die zu etwa 60 Prozent von ihren Anzeigenerlösen abhängigen Printmedien einen Teil der klassischen Einnahmen an die Internetmärkte verloren haben. Solche Sorgen aber hatten den Sinn der Zeitung nicht grundsätzlich infrage gestellt.

Die elektronischen Medien mögen schneller sein, doch sie gelten bislang auch als oberflächlicher. Hintergründe, tiefer schürfende Analysen, brillantere Kommentare, verbindliche Gewichtungen – das sind die angeblich unersetzlichen Vorzüge der Zeitung, und im kulturellen Kontext gilt dies umso mehr noch für das gedruckte Buch.

Zwar war auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2008 das E-Book mit seinem auch im Sonnenlicht flimmerfreien, angenehm zu lesenden Bildschirm ganz plötzlich das große Medienthema. Doch kaum jemand hat einen der Prototypen des digitalen Buchs, das im Taschenformat den Inhalt kleinerer Bibliotheken zu speichern weiß, schon leibhaftig in der Hand gehabt. In Frankfurt musste man es fernab der großen Hallen und Verlage an entlegensten Ständen suchen. Das wirkte bei der Leipziger Buchmesse im März 2009 schon anders. Das eben noch virtuelle Medium gilt nun als Realität, und die E-Book-Macher kommen der Simulation eines gedruckten Buchs immer näher, inzwischen gibt’s schon digitale Eselsohren zum Seiten-Markieren.

Die Dämmerung des fünfeinhalb Jahrhunderte währenden Gutenberg-Zeitalters ist so fortgeschritten. Der Brockhaus, in Deutschland einst Inbegriff der lexikalischen Buchkultur, erscheint künftig nur noch digital. Das war, das ist nur der Anfang. Kürzlich hat der Wissenschaftsjournalist und Darwin-Biograph Jürgen Neffe in einem Großaufsatz in der „Zeit“ das bevorstehende Ende der klassischen Druck-Kultur verkündet. Unterm Titel „Es war einmal“ und mit dem evolutionären Zusatz „Kein Grund zur Trauer“. Wovon Autoren wie er selber freilich künftig leben werden im schrankenlosen Reich des urheberrechtlich kaum zu kontrollierenden, gegen Raubkopien nie gefeiten Internets, das konnte auch Neffe nicht so recht erklären.

Nur für die Zeitungen, diese „vierte Gewalt“ der Demokratie, hatte er eben jene Idee, die früher schon der Sozialphilosoph Jürgen Habermas ins Spiel gebracht hatte. Man müsse, sagt Neffe, bei einer so „systemrelevanten Branche“ wie der freien Presse künftig über „öffentlich-rechtlichen Printjournalismus“ nachdenken, zumindest über staatliche Subventionen wie beim Theater, bei Museen oder „Autobahnen“. Radikaler sieht die Sache dagegen Sascha Lobo. Der 33-jährige Berliner Superblogger und Autor eines Schlüsselwerks über die „digitale Bohème“ verkündete jüngst im Sonntags-Interview des Tagesspiegels zwar noch nicht allen von ihm so genannten „Holzmedien“ den Untergang. Aber: „Den Tageszeitungen auf jeden Fall.“ Nur für besondere Magazine und Bücher werde es weiter „Nischen“ geben. Dafür bringt er, wie Jürgen Neffe, den Vergleich mit der guten alten Schallplatte.

Diese Analogie indes trifft daneben. Beim Wechsel von Schellacks zu CDs und Chips, die allemal Tonträger sind, ging es nur um die technologische Verfeinerung des im Prinzip identischen Mediums. Wenn aus gedruckten Zeitungen und Büchern dagegen Bildschirmbotschaften werden, bleiben Schrift und Bild zwar erhalten, doch das Medium und die Lesekultur sind verschieden.

Bis vor kurzem, in der Gutenberg-Galaxis, galt die digitale Welt des Googelns, Surfens und Mailens, der Websites und der Onlineportale nur als willkommener Zusatz. Nie als Ersatz. Neuerdings aber wird die elektronische Parallelwelt schon als das neue, das eigentliche Universum gesehen. Eben deswegen reagieren jetzt immer mehr Autoren erschrocken und wütend: wie zuletzt beim „Heidelberger Appell“, dem Protest gegen die Anmaßung des Google- Konzerns, Texte künftig pauschal und universell zu verwerten.

Unternehmen wie Google versuchen immerhin, ihre Geschäftsbasis noch juristisch abzusichern. Dagegen ist gegen die allgemeine Internetpiraterie längst kein Kraut mehr gewachsen. Trotz einzelner erfolgreicher Gerichtsprozesse gegen feste Tauschbörsen hat die Musik- und Filmindustrie ihren Kampf gegen das Raubkopieren längst verloren. Wer will und weiß, der kann sich die Attraktionen der jüngst zu Ende gegangenen Filmfestspiele von Cannes mit allen Tarantinos schon jetzt auf den heimischen Laptop runterladen. Und so illegal geht’s (demnächst) auch mit den E-Books, deren Inhalte zugleich aufs Handy, in den Blackberry oder das i-Phone wandern können. Weshalb manche Kenner den Kosmos der elektronischen Bücher in zwei Visionen beschreiben. Als Welt von morgen – und schon jetzt von gestern.

Die Printverlage, ob Zeitungshäuser oder Büchermacher, stehen vor dem nämlichen Dilemma. Sie wollen oder müssen mitspielen in der unheimlich schönen neuen Welt. Aber noch keiner hat den goldenen Schlüssel und dazu das Schloss gefunden, das die eigenen Produkte wirtschaftlich wirksam sichern könnte: vor Netzpiraten oder dem von Internet-Lobbyisten geforderten, heute ohnehin fast überall bestehenden „open access“, dem kostenlosen Zugang für jedermann.

In diesen Wochen sucht gerade die angeschlagene „New York Times“ nach einem Modell, wie sie ihre Website künftig nur noch gegen Geld öffnen kann, ohne gleichzeitig die vor allem jungen Leser ihrer Online-Ausgabe zu verlieren. Favorisiert wird dabei die Gründung einer „NYT Community“, deren Mitgliedern außer zusätzlichen Informationen noch besondere Events und ermäßigte Tickets für Unterhaltung, Kultur und Sport geboten werden.

Zeitungen, auch in Deutschland, müssen neben dem journalistischen Kerngeschäft immer mehr lebensnahe Derivate bieten. Das hauseigene Weingeschäft, die spezielle DVD-Edition, die klassische Leserreise sind da nur der Beginn einer allgegenwärtigen Entwicklung. Doch die Hauptfrage bleibt: Wozu die Zeitung? Warum noch das Buch?

In Amerika hat die Wirtschafts- und Medienkrise bereits zahlreiche Traditionsblätter, vom „Boston Globe“ bis zum „San Francisco Chronicle“, an den Rand der Existenz gebracht; viele US-Printtitel wechseln nun ganz ins Internet, und etliche Millionenstädte in Amerika werden bald keine eigene Tageszeitung mehr haben. Zur selben Zeit ist der politische und intellektuell-kulturelle Einfluss der Online-Medien seit der Kampagne von Barack Obama immens gestiegen. Bei der letzten Präsidentenwahl hat die Netzzeitung „Huffington Post“ bereits eine prägendere Rolle gespielt als die gedruckte „Washington Post“.

Längst also gibt es Qualitäten, gibt es journalistische, künstlerische, intellektuelle Spitzenleistungen im Internet, denen das kulturelle Bild eines nur schnellen, flachen Mediums nicht gerecht wird. Das haben auch so unterschiedliche Geister wie der Thrillerkönig Stephen King, die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek oder der politische Essayist Slavoi Zizek verstanden, die es sich leisten (können), einen Teil ihrer neuen Werke frei ins Netz zu stellen.

Im Internet findet sich jetzt auch eine der Gründungsurkunden des modernen Romans: Französische Literaturwissenschaftler haben soeben alle 4500 Manuskriptseiten von Gustave Flauberts „Madame Bovary“ mit Korrekturen, Transkriptionen und Kommentaren im Netz präsentiert – eine Ausgabe, die auf Papier kaum mehr bezahlbar wäre. Oder das: Der gerade 70 gewordene Harvard-Professor Robert Darnton, einer der bedeutendsten Kulturwissenschaftler unserer Zeit, arbeitet seit mehr als zehn Jahren an einem elektronischen „Überbuch“, das ein Haus des Wissens bildet, mit unzähligen Geschossen und Verbindungen, mit Portalen und Links im Horizontalen und Vertikalen. Etwas, das sich auf Papier zwischen zwei Buchdeckeln räumlich und geistig nicht mehr darstellen ließe. Der große alte Darnton sagt: „Ich habe zu viel Informationen.“

Eben dies berührt freilich auch einen medien- und bildungspolitisch entscheidenden Punkt. Mit zu viel Informationen droht für gewöhnlichere Geister so etwas wie ein „weißes Rauschen“. Eine Informationsgesellschaft ist noch keine Wissensgesellschaft, das erkennt man bereits an jener Internet-Generation, die statt in Bücher und Zeitungen fast nur noch auf Bildschirme schaut.

Das Haptische eines Buchs oder einer Zeitung wird nun oft beschworen. Wie deren letztes, sinnlich-sinnhaftes Privileg. Das trifft zu beim Blättern, bei der individuellen Bearbeitung und Aneignung, bei der Wahrnehmungsästhetik einer (Doppel-)Seite oder eines Kunstdrucks. Dagegen ist das Internet unschlagbar im Aktuellen, beim Googeln von Sachinformationen; auch das E-Book ist mit all seiner im Handformat gespeicherten (Sekundär-)Literatur ein immenser Vorteil für Studenten, Forscher und Sachbuchleser. Wo es aber nicht um zweckgerichtete Lesearbeit geht, sondern um Poesie, Kunst und Genusslektüre, da bleibt die Elektronik dem gedruckten Papier materiell und spirituell unterlegen.

Das gilt in der Essenz auch für die Zeitung. Online bedeutet im Tagesjournalismus: die gleichförmige, gleichzeitige, grenzenlose Flut des Geschehenen, des unaufhörlich Neuen. Gute Online-Portale sortieren, gewichten, kommentieren das auch. Trotzdem liegt dem Medium mit seiner hintereinander geschalteten Abfolge der nie endenden Aktualität etwas potentiell Unbegrenztes, letztlich Undefiniertes zu Grunde. In der Wertung und Gewichtung, in der auf jeder Zeitungsseite schon visuell zu Tage tretenden Hierarchie der Themen und Argumente, nicht im möglichst besseren Text, sondern erst im Kontext, liegen die medialen Stärken der Zeitung.

Sie ist immer von gestern. Aber sie hält die Zeit auch mit jeder neuen Ausgabe symbolisch fest; man nimmt sich als Leser die Zeit mit der Zeitung – anders als beim Dauerdurchlauf im Internet. Die Vermutung ist: Bürger einer Wissensgesellschaft brauchen trotz aller aktuellen Online-Information eben dieses „Es war einmal“. Sie brauchen Geschichten wie Kinder Märchen. Wobei das Gestrige in der Zeitung zugleich ins Präsens gehoben wird („Merkel erklärt“, „Hertha gewinnt“, „Vulkan bricht aus“). Die Zeitung verkörpert jene imaginäre Gegenwart, die in der Echtzeit online oder im Fernsehen immerzu flüchtig ist. Dabei steigen die Auflagen der Zeitungen gerade dann, wenn am Vortag etwas geschehen ist, über das die anderen, aktuelleren Medien schon besonders viel berichtet haben (eine Wahl, ein Verbrechen, ein Endspiel).

Kein Wunder – oder vielleicht gerade ein Wunder: Wer selber bei einem Ereignis dabei war oder über eine allgemeine Sensation schon vermeintlich alles erfahren hat, sucht häufig genau das am nächsten Tag noch einmal in der Zeitung: als gegenwärtige Reflexion des Gestrigen, des „Es war einmal“. Erst wenn es auch in der Zeitung steht, war es wohl wirklich.

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