Meinung : Elite ohne Tugend

Die Affäre Welteke zeigt: Wer Deutschland führen will, muss Maßstäbe vorleben

Alfons Frese

Die Herrenrunde an der Spitze der Deutschen Bundesbank hat sich schwer getan. Dass sie schließlich den Korpsgeist überwand und ihren Vorsitzenden Ernst Welteke mehr oder weniger deutlich vor die Tür setzte, hat im Wesentlichen zwei Gründe. Der Ruf der weltberühmten Zentralbank sollte durch die Adlon-Affäre nicht weiter beschädigt werden. Ferner wurde der Druck aus Berlin immer größer. Die Banker konnten sich schlecht vor Welteke stellen, wenn gleichzeitig die Regierung den Nachfolger sucht. Ob das Amt ruht oder der Rücktritt formal vollzogen wurde – Welteke ist so gut wie weg, der oder die Neue kommt demnächst und die deutsche Finanzaristokratie darf sich bald wieder dem Alltag widmen. Business as usual.

Doch so einfach ist das nicht. Welteke hat sich dumm angestellt und zahlt für die paar Nächte im Luxushotel nun einen vergleichsweise bittergroßen Preis. Womöglich wird er nie genau verstehen, dass es so kommen musste. Weil er die Maßstäbe nicht versteht, die viele Menschen an die Elite in diesem Land anlegen. Diese Maßstäbe sind nicht zwingend und ausschließlich Ausdruck eines verbreiteten Neidgefühls und der Schadenfreude, wenn einer von denen da oben erwischt wird und büßen muss. Es geht vielmehr um Verhaltensregeln, die von den führenden Persönlichkeiten dieses Landes vorgelebt werden und bestenfalls sinnstiftend wirken. Und in dieser Hinsicht hat Deutschland ein Standortproblem. Das Volk traut den Eliten nicht mehr über den Weg. Und daran kann nicht allein das Volk schuld sein.

Die Politiker sind vor allem mit sich selbst beschäftigt – wer glaubt denn noch, dass sie die Probleme des Landes lösen und nicht an die nächste Wahl und ihre Zukunft denken? Die Manager fallen auf mit erstaunlichen Gehältern – aber tragen sie auch Verantwortung für die Arbeitsplätze oder nur für ihre eigenen Aktienoptionen? Die Gewerkschafter formieren sich in der Wagenburg der so genannten Besitzstandswahrer – wo bleiben die Impulse zur Modernisierung des Landes? Die Medien forcieren das Palaver und treiben die Debatte von links nach rechts. Und wieder zurück. Wo sollen die Menschen Orientierung finden für die Zukunft ihrer Gesellschaft? Einer Gesellschaft, in der jeder schaut, wo er bleibt. Und alles mitnimmt, was noch zu kriegen ist.

Der Fall Welteke ist deshalb so gewichtig, weil er den Trend des Unbehagens über die Zustände verstärkt und die Bereitschaft zur Veränderung schwächt. Zugespitzt gesagt: Ohne Klaus Esser und Ernst Welteke und all die anderen enttäuschenden Führungskräfte wäre es um die Reformfähigkeit Deutschlands besser bestellt. Das Volk ist nicht dumm und es registriert genau, wer den Hals nicht voll kriegt, wer im Sinne des Gemeinwesens oder nur auf eigene Rechnung unterwegs ist. Der Fisch stinkt zuerst am Kopf und die Prediger des Wassers feiern Silvester mit Champagner und Kaviar.

Ohne Vertrauen in „die da oben“ kann Deutschland die Modernisierungskrise nicht überwinden. Und ohne Glaubwürdigkeit, Bescheidenheit und Pflichtgefühl für das Ganze ist eine Führungskraft nicht wirklich eine Führungskraft, weil ihr die Masse kein Vertrauen schenkt. Elite ohne Tugend kann nicht funktionieren.

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