Meinung : Eltern contra Kinderlose: Wer bezahlt zuviel?

Andreas Austilat

Kinder sind noch wertvoller, als ihr glaubt - Keine Moral, nur Marktwirtschaft: Knappe Ware hat ihren Preis

Ihr Kinderlosen habt ja Recht. Wir müssen doch gewusst haben, warum wir Nachwuchs wollten. Und wir haben doch auch den Spaß dabei. Müssen es nicht einmal teilen, das süße Lächeln unseres Säuglings. Sie gilt nur uns, die Liebe der Kleinen, wenn sie uns schon in der Tür entgegenspringen, wenn sie zu uns aufschauen, im festen Vertrauen darauf, dass wir schon wissen, wie man Kaputtes wieder klebt und Wunden wieder heilt. Und nur uns öffnen sie noch einmal den Blick zurück, auf jene Zeit als wir selbst kleine Siege auf dem Schulhof feierten. Hatten wir beinahe schon vergessen.

Das alles haben wir allein. Und dafür bezahlen wir auch. Mit Geld? Klar, auch mit Geld. Aber reden wir erst mal von der anderen Währung. Vom Schlaf zum Beispiel, den wir drangegeben haben, weil die blöde Windel nicht hielt, was sie versprach. Von der Liebe, die wir teilen müssen, was sich dummerweise mitunter ganz konkret in einem Mangel an Intimsphäre ausdrückt. Von der fehlenden Fitness, weil wir Stullen schmieren in aller Herrgottsfrühe, während ihr joggen geht. Von den Freunden, die sich irgendwann abgewandt haben, als wir nicht mehr mitkamen ins Kino. Von dem Cabrio, das wir gegen den Kombi eingetauscht haben. Von dem Feierabend, den wir nicht haben, so lange die Kinder um halb zehn noch mal Pipi müssen und um halb elf Durst haben. Das zahlen wir und recht geschieht es uns.

Aber irgendwann sind die Kleinen groß. Und dann, dann gehören sie uns plötzlich nicht mehr. Das ist auch okay, denn große Kinder müssen raus. Das Problem ist ein anderes: Nachdem wir über zwanzig oder - so etwas hat es schon gegeben - dreißig Jahre lang Mittel im Wert eines Eigenheims investiert haben, sollen wir sie nun doch mit anderen teilen, mit euch.

Das Problem ist hinlänglich bekannt. Auch in unserer Familie. Die Mini-Rente meiner Mutter erreicht nicht jenen Betrag, den ihre Söhne selbst in die Rentenversicherung einzahlen. Im ungünstigsten Fall wird es der Mutter meiner Kinder einmal ähnlich ergehen. Mit dem ersten Kind ging sie auf Teilzeitarbeit, der zweite Erziehungsurlaub kostete sie den Job. Gebärprämie hin oder her, es macht schon einen Unterschied, ob man Vollverdiener ist oder nicht. Reden wir also über Geld.

Angenommen, wir würden die Sache ganz nüchtern sehen. Sozusagen rein marktwirtschaftlich. Zumindest kann uns keiner vorwerfen, dass wir am Markt vorbei produzierten. Im Gegenteil, Kinder sind ein knappes Gut. Das hat auch das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zur Pflegeversicherung erkannt. Solange nämlich Erziehungsleistung der Regelfall war oder zumindest "eine deutliche Mehrheit der Versicherten" solch eine Leistung erbrachte, durfte der Gesetzgeber "von einer die Erziehungsleistung berücksichtigenden Differenzierung der Beiträge" absehen. Aber diese Geschäftsgrundlage ist längst dahin. Kinder, mithin die Beitragszahler von morgen, werden einmal umkämpfte Minderheit sein. Was, wenn wir die allein für uns reklamierten? Und ganz egal, ob Pflege und übrigens auch die Rente später einmal per Umlage oder aus Kapitalertrag finanziert werden, für das zukünftige volkswirtschaftliche Einkommen werden die Kinder von heute sorgen. Das meinen übrigens auch die Karlsruher Richter.

Spätestens jetzt geht die Rechnerei los. Transferleistungen werden addiert, von Doppelverdienern, die nicht als Familienversicherte beitragsfrei gestellt sind, kein Kindergeld kassieren, keine Steuervorteile genießen, keinen bezahlten Erziehungsurlaub, die mit ihren Steuern Schulen und Kindergärten finanzieren, von denen sie nichts haben. Müßig dagegenzuhalten, dass da neben dem Kindergeld in Wirklichkeit nicht viel ist für Otto-Normalverdiener und seinen Nachwuchs, weil er zu viel hat, um das steuerfreie Existenzminimum zu spüren und zu wenig für den Kinderfreibetrag. Weil jedes Eigenheim mehr bringt. Weil er zwar Ölgasbeihilfe, Mittel aus der Kulturpflanzenpflege oder Ölsaatbeihilfe beantragen könnte, wenn er Bauer wäre und sich auf die Viehzucht verlegte, es aber keinen Penatenölpfennig und keinen Spritzuschuss für die Fahrt zum Sportverein gibt. Es reicht mit den Karlsruher Richtern festzustellen: "Dem kinderlos Erwerbstätigen werde aktuell zwar auch ein Transfer für die beitragsfrei Familienversicherten zugemutet. Das in der Zeit der Kindererziehung gebildete Humankapital übersteige jedoch dessen Wert um ein Mehrfaches".

Um noch mal auf die marktwirtschaftliche Komponente zurückzukommen. Es besteht natürlich die vage Möglichkeit, dass wir doch am Bedarf vorbei produzieren. So etwas passiert den leidgeprüften Bauern ja auch ständig. Könnte immerhin sein, dass am Ende niemand unsere Kinder will, sich das Problem durch Einwanderung löst - billiger Import sozusagen. 188 Millionen müssten in den nächsten 50 Jahren kommen, um einer massiven Überalterung der deutschen Bevölkerung entgegenzuwirken, haben die Gutachter in Karlsruhe vorgerechnet. Umsonst wird nicht einmal ein Bruchteil davon zu bekommen sein. Und mal ganz abgesehen von den zu erwartenden Integrationskosten - gedrängelt haben sie sich ja nicht gerade, die Greencard-Inder.

Nein, unser Nachwuchs jetzt ist schon verdammt wertvoll. Und wird noch viel wertvoller werden. Ihr solltet euch gut mit ihm stellen. Damit er nicht auf uns hört, falls wir ihn am Ende doch lieber allein für uns behalten wollen.

Wir helfen den Familien schon genug - Schluss mit dem Klagen: Die Kosten für Kinder sind doch längst sozialisiert

Wir verstehen euch Eltern ja. Kinder aufzuziehen, ist ein wichtiger Beitrag für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Viele sagen sogar: der wichtigste Beitrag - Manager, Erfinder und manche Ökonomen mögen das anders sehen. Ihr habt das Gefühl, dass ihr auf den Lasten sitzen bleibt, der Nutzen nachwachsender Generationen aber der Allgemeinheit zugute kommt: über den Generationenvertrag. Die Gerichte nähren diesen Verdacht mit ihren Urteilen, wie jüngst dem Karlsruher zur Pflegeversicherung. Die Verdiener in den Familien müssen beim Beitrag finanziell besser gestellt werden als Kinderlose. Sind wir Kinderlose also eigensüchtige Trittbrettfahrer?

Ganz früher war es einfach: Kinder waren die Altersversorgung, finanziell und als Betreuung am Lebensabend. Wer keine hatte, musste anderweitig privat vorsorgen - oder war schlecht dran im Alter. Für den Großteil der Gesellschaft (ausgenommen Selbstständige und Beamte) wird das heute durch das gigantische, aber anonyme System der Sozialgemeinschaft geregelt. Ihr habt das Gefühl, die Vorteile der Kinder werden sozialisiert, die Kosten bleiben privatisiert. Komisch, auch wir haben den Eindruck, dass wir immer mehr zahlen, zahlen, zahlen - und auf immer weniger Gegenleistung rechnen dürfen.

Wir stehen hinter dem Grundgedanken unseres Sozialversicherungssystems: Solidarität der finanziell Stärkeren mit den Schwächeren. Deshalb bleiben wir auch freiwillig in der gesetzlichen Krankenversicherung. Aber die Dimensionen, die diese Umverteilung erreicht hat! Wenn wir nur eine Hälfte unserer Abgaben privat anlegen dürften, die andere kann ruhig weiter in den Sozialausgleich gehen - es ginge uns im Alter, Pflegekosten eingerechnet, gewiss besser als wir jetzt erwarten dürfen.

Nehmen wir den Regelfall: das kinderlose Paar, Doppelverdiener; und die Familie mit zwei Kindern, ein Elternteil arbeitet, das andere bleibt zuhause, der Kinder wegen. - Krankenversicherung: Bei uns zahlen zwei ein, und zwei haben Anspruch auf Behandlung. Bei euch zahlt einer, aber vier dürfen Leistungen in Anspruch nehmen, drei davon beitragsfrei. Auch bei der Pflegeversicherung sind alle beitragsfrei mitversichert, aber wir Kinderlose sollen jetzt auch noch höhere Beiträge zahlen als das verdienende Elternteil. - Rentenversicherung: Bei uns zahlen zwei, bei euch einer, der andere wird dennoch im Alter Anspruch auf Leistungen haben. Für den Generationenvertrag gegenüber den Älteren leisten wir heute doppelt so viel wie ihr. - Erziehungsurlaub, Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen, Universitäten: Das alles zahlen wir mit, obwohl wir diese staatlichen Leistungen nicht in Anspruch nehmen. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass die Gemeinschaft das finanziert, so wie die Polizei oder die Straßen, die wir alle nutzen. In vielen anderen Ländern sind Bildungs- und Betreuungskosten privat zu tragen. - Überhaupt die Steuern. Dank Kindergeld/Kinderfreibeträgen bleiben dem allein verdienenden Vater (oder der Mutter) von zwei Kindern im Schnitt 86 Prozent von seinem Bruttojahresgehalt, den kinderlosen Doppelverdienern 62 Prozent - Familien sind heute schon um ein Viertel bis ein Drittel besser gestellt, je nachdem von welcher Bezugszahl man ausgeht. Und das Kindergeld wird noch erhöht.

Ein Großteil der Kinderkosten liegt also gar nicht bei euch, sondern ist längst sozialisiert. Dafür gibt es viele gute Gründe. Wir wollen gar keine Dankbarkeit dafür, dass wir für eure Kinder mitzahlen. Aber dass allmählich eine Stimmung entsteht, in der wir Leistungsträger des Sozialsystems zu Schmarotzer werden, die sich am Nutzen eurer Kinder bereichern, das geht doch etwas zu weit. Außerdem ist Kinderlosigkeit in der Regel kein frei gewähltes Schicksal.

Im Übrigen: Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn die Zahl der deutschen Bürger von 80 Millionen, darunter viele Arbeits- und Obdachlose, auf 65 Millionen sinkt? Wo uns doch die Beschäftigung ausgeht und sich das gleiche Bruttosozialprodukt dank des technischen Fortschritts mit immer weniger Arbeit erwirtschaften lässt. Da bliebe im Schnitt mehr pro Kopf. Eine Katastrophe? Natürlich, ich weiß schon: Das Problem ist nicht die Einwohnerzahl, sondern die Altersverteilung - immer mehr Alte, die versorgt werden müssen, immer weniger Junge, die das finanzieren.

Womit wir beim eigentlichen Ärgernis sind. Diese gefährliche Dynamik ist seit Jahren absehbar. Seit dem Pillenknick, als wir heute Vierzigjährigen noch kleine Kinder waren. Dennoch haben die Generationen unserer Eltern und die Zwischenjahrgänge sich weiter aus den Kassen bedient, statt ihre Ansprüche zurückzufahren.

Nun, wo sich die Notlage nicht mehr leugnen lässt, wo wir sowohl im Umlageverfahren für die ältere Generation zahlen als auch privat für unser Alter vorsorgen müssen, da redet man uns ein, das liege an der Verantwortungslosigkeit der heutigen Kinderlosen. Wir sollten uns beide gegen diesen Versuch wehren, den Generationenkonflikt in einen Konflikt zwischen Familien und Kinderlosen umzuleiten. Ihr und wir könnten sehr gut im Respekt miteinander leben und unsere unterschiedlichen Lebensentwürfe und Erfahrungen als Bereicherung empfinden - im Wissen, dass wir eigentlich eine faire Lastenteilung haben: Wir tun ein bisschen mehr für die Versorgung der heutigen Alten und helfen euch bei den Erziehungskosten. Ihr tut ein bisschen mehr, dass es noch einen Generationenvertrag gibt, wenn wir alt sind.

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