Meinung : Eltern sein dagegen sehr

Sarrazins Kritik ist typisch für das Verhältnis von Politik und Familie in der Großstadt

Tissy Bruns

Von Tissy Bruns

Ist wirklich „ungeheuerlich“, was Thilo Sarrazin gesagt hat? Ähnlich grotesk wie der jüngste verbale Fehltritt des Berliner Finanzsenators ist jedenfalls die große öffentliche Aufregung, die ihm folgt. Beides zusammen ist typisch für Berlin: Alles redet, alles brummt, man übertrifft sich in höchsten Tönen der Urteile und Verurteilungen. Nur die Menschen, um die es eigentlich geht, hetzen wie an jedem anderen Tag aus ihren Büros zur Kindertagesstätte, von dort nach Hause, kümmern sich um ihre Kinder, sind abends um neun todmüde. Und denken sich grimmig ihr Teil, das mit Geschichte wenig, mit Gegenwart alles zu tun hat.

Was Thilo Sarrazin gesagt hat, verdient keinen hohen historischen Ton. Es war dumm und gefühllos. Der Sparsenator will die Beiträge gutverdiender Eltern für die Kitas kräftig erhöhen und hat auf den erwartbaren Sturm der Entrüstung mit der unübertrefflichen Bemerkung reagiert, manche Kritiker täten so, als wolle der Senat „Kinder ins Konzentrationslager“ schicken. Ein Politikerwort zum Einrahmen. Aber nicht deshalb, weil er damit jemand „in die Nazi-Ecke“ gestellt hätte, wofür Sarrazin umgehend um Entschuldigung gebeten hat. Und überflüssigerweise, denn niemand sieht sich in dieser Ecke. Es ist hinlänglich bekannt, dass Nazi–Vergleiche unzulässig sind und trotzdem regelmäßig irgendein Politiker in diese Falle tappt. Der traurige Erkenntniswert, den Sarrazin uns verschafft hat, liegt ganz woanders. Seine Bemerkung hat den neuen Abgrund zwischen denen „da oben“ und denen „da unten“ offenbart, einen Abgrund des Unverständnisses. Die moderne Großstadt bringt offensichtlich einen ganz neuen Klassengegensatz hervor. Hinterhof oder Villa, Ossi oder Wessie, Ur-, Neu- oder Immigrationsberliner? Die wichtigste Kampflinie wird die zwischen den Schnellen und den Langsamen. Denen mit viel Zeit für die Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten und denen, die privat und beruflich für Kinder, Alte oder andere Menschen sorgen. Denen, die den öffentlichen Raum mit schnellem, schroffen Schlagabtausch beherrschen. Und denen, die viel zuhören, sich kümmern und immer wieder von vorn anfangen müssen, ob als Eltern, Erzieher, Lehrer, Krankenschwestern oder Polizisten.

Wie kommt der Senator auf die Assoziationskette von Kita und Konzentrationslager, die doch mit der tatsächlichen, selbst mit der wütenden und unangemessenen Kritik an den Preiserhöhungen überhaupt nichts zu tun hat? Die Erklärung ist schlicht, und sie ist niederschmetternd: Er hat keine Ahnung, wie Eltern in dieser Stadt leben, denken und fühlen. Der Befund wird dadurch nicht besser, dass man sie bei einigem Nachdenken vom Senator auf den ganzen Senat erstrecken muss, auch wenn der speziellen Sarrazin-Rhetorik niemand das Wasser reichen kann. Die Sparpolitik der rot-roten Koalition ist zwingend notwendig. Es ist auch nicht viel dagegen einzuwenden, dass Klaus Wowereit bereit ist, mit der Brechstange vorzugehen, um ein erstarrtes Gemeinwesen in Bewegung zu bringen. Seine Devise ist nicht falsch: Erstmal versuchen, dann sehen wir, wie weit wir kommen.

Die Methode kann mit Erfolg aber nur angewandt werden, wo Regierte und Regierende ihre Auseinandersetzung einigermaßen auf Augenhöhe führen können. Über die Zahl der Opern, Kliniken oder Hochschulen streiten mit Wowereits Senat die gut ausgebildeten, redegewandten Metropolenbewohner. Man kennt sich, denn man lebt ähnlich – als Bürgermeister oder Senator, Klinikchef oder Rektor, unter Tempo und Druck, mit schnellen Orts- und Themenwechseln. Das ist inzwischen der Mainstream der großen Städte. Der alte, die kleinen Leute, ist zur Minderheit geworden. Nur noch in 464 000 der 1,8 Millionen Berliner Haushalte leben Kinder. Wenig Grund für Politiker, wenigstens den gesunden, alten Wähleropportunimus gegenüber Eltern zu pflegen.

Doch aufgepasst, Politiker: Unzählige allein lebende Großstädter haben Enkel, viele wollen später Kinder kriegen und die meisten finden einfach so, dass eine Erwachsenen-Großstadt zum Gruseln wäre. Wo Kinder aufwachsen, braucht man die Kümmerer, Menschen mit begrenzter Zeit und Kraft für die öffentliche Debatte. Erzieher und Lehrer mit offenem Herzen. Eltern, die furchtbar viel zu organisieren haben. Sozialarbeiter und Polizisten, die schützen und durchgreifen. Die neuen „kleinen Leute“ in der großen Stadt brauchen Politiker, die ihnen zuhören.

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