EM-Finale : Ein Quentchen Können

Die deutsche Mannschaft braucht weder Glück noch eine Kanzlerin auf der Tribüne, um gegen Spanien zu gewinnen. Allein die positive Einstellung reicht.

Malte Lehming

Immerhin 38 Prozent der Deutschen sind überzeugt davon, dass die Anwesenheit von Angela Merkel heute Abend beim EM-Finale in Wien der deutschen Mannschaft Glück bringt. Hingegen meinen 57 Prozent, die Kanzlerin im Stadion bringe kein Glück. Aber gibt es das überhaupt, Glück im Sport? Puristen verneinen das. Im Unterschied zu Roulette, Würfeln oder Lotto geht es beim Fußball allein ums Können. Der Bessere siegt. Wer zehnmal nur die Latte trifft, aber nie ins Tor, der kann’s halt nicht. Bleibt in einer Regenschlacht der Ball in einer Pfütze hängen, ist die Mannschaft mit dem Wetter nicht klargekommen, also wieder ein Fall von Unvermögen. Und wer in der letzten Sekunde der Verlängerung aus 40 Metern Entfernung das Siegtor schießt, hat nicht den Zufall auf seiner Seite gehabt, sondern bis zum Schluss gekämpft. Unglücklich verloren? Das gibt’s nicht. Das ist eine faule Ausrede. Wer verliert, hat die Niederlage verdient.

Seltsam aber, dass wir trotzdem das Glück suchen, ihm auf die Sprünge helfen und behaupten, jeder sei seines Glückes Schmied. In den USA ist das Streben nach Glück als Freiheitsrecht sogar in die Unabhängigkeitserklärung aufgenommen worden. Wäre Glück reine Glückssache, ginge das ja gar nicht. Ist denn Glück haben nun Zufall oder beeinflussbar? Die Antwort ist leicht: Glück haben ist Zufall, Glück empfinden ist es nicht. Im ersten Fall geht es um ein nicht vorhersehbares günstiges Ereignis, im zweiten um einen Gemütszustand. Wer nie Glück hat, kann trotzdem glücklich sein. Und umgekehrt: Selbst ein Lottogewinn kann depressiv machen.

Spannend indes wird diese komplizierte Sache durch folgende Regel: Wer Glück empfindet, hat auch Glück. Nicht durch glückliche Zufälle wird man zur Frohnatur, sondern eine Frohnatur zieht glückliche Zufälle an. Und damit schließt sich der Kreis zum EM-Finale. Die deutsche Mannschaft braucht weder Glück noch eine Kanzlerin auf der Tribüne, um gegen Spanien zu gewinnen. Sondern sie braucht jene Selbstbejahung, die das Glück anzieht, von dem Puristen behaupten, es sei reines Können.

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