Meinung : Embryonen klonen: Fundiert, nicht fundamentalistisch

Bernd Ulrich

Die deutsche Politik ist es nicht mehr gewohnt, über fundamentale Fragen nachzudenken und zu entscheiden. Seit die Gegensätze Ost-West, wahr-unwahr, links-rechts kaum noch eine Rolle spielen, seit auch die EU unumkehrbar wurde, verwaltet die Politik fast nur noch Probleme mittlerer Wichtigkeit. Man kann das langweilig finden, in Wahrheit ist es aber auch eine große Erleichterung, Ausdruck der gesellschaftlichen Befriedung nach dem Ende des ideologischen Jahrhunderts.

Die Ausnahme davon bildet das Thema Gentechnologie, weil es - ob man will oder nicht - unsere Grundfesten berührt: Ab wann ist ein Mensch ein Mensch? Was ist ein gelungenes, was ist ein wertloses Leben? Wie frei sind wir vor unseren Genen? Man kann diese Fragen für die Politik kleinarbeiten: Ist es legitim, Embryonen zu selektieren (Prä-Implantations-Diagnostik, PID)? Darf man Embryonen benutzen, um Menschen - eventuell - heilen zu können? Doch auch so klein sind die Fragen immer noch größer und grundsätzlicher, als es der Politik behagt.

Allzu lange haben Regierung und Opposition, haben vor allem die Spitzenpolitiker versucht, sich nicht damit zu befassen. Diese Phase ist nun vorbei. Der Kanzler hat Stellung genommen, der Außenminister auch. Der eine mit hemdsärmeligem Entscheiderton, aber im Detail ganz unverbindlich. Der andere nachdenklich, fast philosophisch, auch fortschrittsskeptisch. Doch gibt es bis heute von keiner Partei klare Stellungnahmen. Man wartet immer noch ab. Zum einen wegen der echten inneren Verunsicherung in gen-ethischen Fragen, zum anderen weil man nicht genau weiß, was der Wählerfindung dient und was ihr abträglich ist. Und worauf hat man gewartet? Darauf, dass eine andere gesellschaftliche Kraft sich als erste hervorwagt und klar sagt: Hier stehen wir, wo steht ihr?

Der Kanzler hat dabei wohl vor allem auf die Kirchen gewartet. Und das wohl weniger, um sich gläubig zu verneigen, vielmehr damit in dem hinhaltend ungeordneten Diskurs schon mal eine Ecke entsteht, die fundamentalistische. Von der kann man sich dann schön distanzieren und jeden, der ähnlich skeptisch ist wie die Kirche, als papistischen Fundi abstempeln. So etwas könnte der Kanzler womöglich gedacht haben.

Es haben aber auch andere auf ein klärendes Wort der Kirchen gewartet. Die Katholiken sowieso, und auch viele von denen - vielleicht die Mehrheit -, die selber nicht glauben, aber froh sind, dass da welche sind, die es tun. Sie alle erhofften sich Orientierung. Die Aufgabe, der sich die deutsche Bischofskonferenz in den letzten vier Tagen stellte, war also nicht einfach: Als erste große Institution Stellung zu beziehen, ohne sich in die Fundi-Ecke drängen zu lassen.

Das ist den Bischöfen erstaunlich gut gelungen. Ihre elfseitige Erklärung enthält das bisher glaubwürdigste Bekenntnis der Kirche zur Gentechnik. Mit einem Anflug von echter Bewunderung wird die Entschlüsselung des menschliche Genoms gewürdigt. Man lobt die medizinischen und pharmazeutischen Möglichkeiten der Gentechnik, auch der Stammzellenforschung.

Gleichzeitig wird natürlich vor den Gefahren gewarnt. Erwartungsgemäß lehnt die katholische Kirche in jeder Weise das Töten und Verbrauchen von Embryonen ab, also: keine PID, kein therapeutisches Klonen. Interessant ist dabei die Haltung, auch der Ton. Anders als in einigen fundamentalistischen Predigten einzelner Kölner Kardinäle (gegen die "Selektierer und Menschenzüchter") werden nicht die Motive der Befürworter dieser Technologien denunziert. Vielmehr wird nüchtern und schonungsvoll argumentiert. Bei der Keimbahntherapie geben die Bischöfe für ihre Ablehnung sogar Gründe an, die in Zukunft wegfallen können. Sie argumentieren also nicht nur prinzipiell. Entsprechend maßvoll endet das Papier: "Alle sind aufgerufen, den Fortschritt der Lebenswissenschaften mit Verantwortung zu begleiten." Es wird nicht leicht sein, diese Erklärung als fundamentalistisch zu diskreditieren. Mit der Kirche wird also in der Gentechnik-Debatte noch zu rechnen sein.

Vielleicht trauen sich ja jetzt sogar die Parteien, mal was Verbindliches zu sagen.

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