Empörung im Netz : Facebook ruft zur Denunziation auf

Facebook möchte, dass die User Freunde mit Pseudonymen enttarnen. Das dürfte das Ende der Freundschaft sein, meint unser Kolumnist Helmut Schümann. Und zitiert Hoffmann von Fallersleben.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Aus gegebenem Anlass sei jetzt noch mal die alte Schallplatte von Sangesbruder Beckenbauer aufgelegt: „Gute Freunde kann niemand trennen …“ Ja, so soll es sein! Der Mann hat auch ein paar Freunde. Zumindest Menschen, die sich diesen Titel auf Facebook erklickt haben. Mitunter tauscht man sich aus, mal mehr, eher weniger. Viel postet der Mann nicht, also mitteilen, nur Sachen, die ohnehin jeder weiß oder sieht, also Mittfünfziger, weitläufige Geheimratsecken, Brillenträger, solche Sachen halt. Man weiß ja nie, wer alles mitliest. Im Vergleich zur Schnüffelmöglichkeit von Facebook war die Stasi nur eine Ansammlung von Briefmarkensammlern. Das gibt sicherlich auf Facebook einen Shitstorm, wegen des unstatthaften Vergleichs. Weil Facebook ein soziales Netzwerk ist, und die Stasi schließlich … Aber denunziert werden darf auch bei Facebook. Auf höchste Anleitung, sozusagen von Staates wegen. Weil es Menschen gibt, die lieber nicht namentlich auftauchen, haben sie sich Tarnnamen gegeben, die sollen, so will es Facebook, von Freunden enttarnt werden. Also noch mal: „Gute Freunde kann niemand trennen.“

Angeblich soll der Aufruf zur Denunziation von Fakenamen nur statistischen Wert haben. Aber wozu soll man wissen, dass soundsoviel Prozent von den Abermillionen Usern Pseudonyme und Symbolfotos verwenden?

Mann kann natürlich fragen, warum es Facebook überhaupt gibt. Unter anderem, weil man echte Namen und echte Persönlichkeitsprofile zielgenau bewerben kann. Aber das ist eine müßige Frage, und wenn man die nach der Existenzberechtigung eines sozialen Netzwerkes stellt, kann man auch diskutieren, warum Menschen überhaupt miteinander kommunizieren.

Das haben die Menschen immer schon öffentlich gemacht, und wenn sie es nicht öffentlich wollten, dann schrieben sie diese merkwürdigen Dinge, die man früher, der Mann erinnert sich wie heute, Briefe nannte. Briefe zu öffnen, also zu enttarnen, ist ein Verstoß gegen das Briefgeheimnis, das aber ist als Grundrecht durch Artikel 10 des Grundgesetzes garantiert. Ist der Verrat von Freunden, die die Öffentlichkeit eben nicht suchen, nicht auch ein Verstoß gegen das Briefgeheimnis, nur im modernen Gewand? Was hilft gegen die Denunziation: Die verratenen Freunde sind dann wohl keine mehr. Den anderen sei Hoffmann von Fallersleben in Erinnerung gebracht: „Das größte Schwein im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

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