Ende der Weltverbesserung : Helden wie wir

Wir lassen uns gern Heldengeschichten erzählen - weil sie uns in der Illusion wiegen, dass das Unmögliche möglich ist. Natürlich weiß jeder, dass das eine Lüge ist.

von
Maria Höfl-Riesch
Maria Höfl-RieschFoto: Imago

Wenn die Sonne schien und am blauen Himmel keine Wolke zu sehen war, dann sagte man früher gerne den etwas dümmlichen Spruch: ein Wetter zum Heldenzeugen.

Inzwischen sagt das kaum jemand mehr. Das ist gut so, aber erstaunlich. Denn das Wort „Held“ erlebt eine Hochkonjunktur, ja, es scheint geradezu eine Großwetterlage zum Heldenzeugen zu geben. Die Helden vom Maidan. Der Held, der die NSA enttarnte. Die Helden in all den Kriegen, die geführt werden. Und sogar Uli Hoeneß, der geständige und überführte Kriminelle, wird vielfach als Held gefeiert, weil er sich dem Recht beugt, das ihm geschehen ist; diesmal in der Variante „gescheiterter Held“.

Neulich war Jurysitzung beim Henri-Nannen-Preis, einer der angesehensten Auszeichnungen für Journalisten. Aus knapp 1000 eingereichten Texten wurden diejenigen ausgewählt, die in die engere Auswahl kommen sollten. Und was gab es da zu lesen? Heldengeschichten. Große Helden, kleine Helden, stille Helden, Angeberhelden, Kriegshelden, Sporthelden, Leinwandhelden. Auch Helden, die zwischendurch mal Angst hatten, was ihre Heldenhaftigkeit dann gleich noch verdoppelte. Schon seit einigen Jahren gibt es diese Flut heroisierender Artikel. Meist übrigens von Männern geschrieben.

Das Bedürfnis danach scheint eminent zu sein. Leser haben das offenbar gern. Vielleicht aber auch die Schreiber. Es tut gut, Helden nahe zu sein.

Das ist nicht immer so gewesen. Einige Zeit ist es her, da suchten Journalisten ihre Stoffe viel seltener in der Größe, sondern in deren Gegenteil: dort, wo alles klein war, ärmlich, erniedrigt. Es war die Zeit der Sozialreportage. Die Themen wurden dort gefunden, wo Missstände zu beklagen waren, Nöte, Ungerechtigkeiten. Es waren offenbar auch die Themen, die Leser interessierten. Hier galt es, nach dem Rechten zu sehen.

Und heute? Ein Paradigmenwechsel. Was bedeutet er?

Wo soziale Themen behandelt wurden, herrschte offenbar Bedarf an Veränderung. Wer etwas anprangerte, tat das in der Absicht, schlimme Zustände zu beseitigen. Wollte Anstöße geben. Mischte sich ein, stieg hinab in die Schattenseiten, in jene Lebenszonen, in denen Gebrechen zu Hause waren, Schmerzen, Enttäuschungen. Wer darüber schrieb, suchte, die Gesellschaft durch das kathartische Mittel von Furcht und Mitleid von ihren Leiden zu erlösen. Weltverbesserungsjournalismus nannte man das, manche applaudierten, manche rümpften darüber die Nase.

Sozialreportagen sind aus der Mode gekommen. Weil die Welt mittlerweile so viel besser geworden ist, dass weitere Verbesserungen nicht dringlich erscheinen? Wahrscheinlich nicht. Weil die Welt sich als so verbesserungsresistent erwiesen hat, dass jeder Wunsch nach Veränderung nur die Blauäugigkeit des Wünschenden offenbart? Resignation also? Schon eher.

Möglicherweise bedeutet die Verschiebung der Themenwahl aber hauptsächlich ein Bedürfnis nach der Festschreibung des Bestehenden. Denn die Hinwendung zu den Heldenerzählungen heißt ja, dass die Welt nicht mehr im Zustand ihres Werden betrachtet wird, nicht mehr von der Frage begleitet wird, welche Richtung dieses Werden denn nehmen könnte und sollte; sondern im Zustand ihres Seins, des Gewordenen. Der Held wird nicht, er ist. Er ist das Vollendete. Er hat sich herausgehoben aus der Masse der Sterblichen, ist ein Sieger geworden. Der Blick auf ihn richtet sich nicht nach unten, sondern nach oben. Da steht er in seinem Strahlenkranz, ein Einzelner, ein Vereinzelter. Urbild der Individualisierung einer Gesellschaft.

Und so, wie er ein Vollendeter ist, verspricht er auch uns, die wir an ihn nicht heranreichen, einen Zustand der Vollendung. Sein Glanz scheint auf uns herab, wir können uns – immerhin – in seinem Abglanz sonnen. Das heißt: Wir werden ein Stück von ihm. Wir sind ihm nahegekommen. Darum lassen wir uns ja Heldengeschichten so gerne erzählen. Weil sie uns in der Illusion wiegen, dass die Erlösung nicht hinterm Horizont liegt, sondern vor der Haustür. Dass das Unmögliche möglich ist.

Natürlich weiß jeder, dass das eine Lüge ist. Aber was für eine schöne Lüge. Auf der Seite der Sieger zu stehen – wie angenehm, wie bequem. Das Elend ist immer das Elend der anderen.

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