Meinung : Endlich gut sein

Was Stalingrad vor 60 Jahren mit dem Irak zu tun hat

Harald Martenstein

Militärisch war die Schlacht um Stalingrad nicht ganz so wichtig, wie viele meinen. Dort fiel nicht die Entscheidung im Zweiten Weltkrieg. Sie war spätestens Ende 1941 gefallen, nach Hitlers Niederlage vor Moskau. Es hätte ihm nicht viel genützt, wenn seine Armee vor 60 Jahren Stalingrad erobert hätte. Der Krieg hätte nur länger gedauert, Hitler zum Morden ein bisschen mehr Zeit gehabt.

Die Nazis wollten Stalingrad zum Mythos machen. Es ist ihnen gelungen. Stalingrad ist für uns Deutsche einer der beiden mächtigsten historischen Mythen. Der andere heißt Auschwitz. Stalingrad und Auschwitz: Diese Namen bedeuten zwei Gefühle, die fast jeder erwachsene Deutsche in sich trägt. Auschwitz steht für die deutsche Schuld, Stalingrad für die Deutschen als Opfer. Es hätte auch Dresden diese Bedeutung bekommen können, aber zu Stalingrad gab es die besseren Bilder und die dramatischere Geschichte.

Stalingrad funktioniert wie eine Art seelisches Gegengewicht zu Auschwitz. Haben nicht auch wir gelitten? Waren nicht auch die meisten von uns unschuldig? Hat Hitler nicht auch das deutsche Volk rücksichtslos verheizt? Lange, dunkle Kolonnen, todmüde Männer, die in die Gefangenschaft marschieren: Die Stalingradfilme und Dokumentationen lehnen sich manchmal bis ins Detail an die Bilder an, die wir von Auschwitz kennen.

Stalingrad, die Vertreibung, Dresden – die Deutschen erinnern sich zur Zeit auffällig intensiv an ihre Leiden. Den meisten geht es nicht darum, aufzurechnen. Sie suchen lediglich nach einer Identität, die aus mehr besteht als nur Verbrechen. Das ist legitim. Die Probleme liegen anderswo. Die Nachkriegsdeutschen wollen alles richtig machen, wollen in der Geschichte endlich einmal die Guten sein. Aber das Beispiel Stalingrad zeigt, wie uneindeutig das Gute manchmal daherkommt. Stalin, der Großverbrecher: Stand er in Stalingrad für das Gute? Irgendwie schon. Amerikaner und Briten haben Stalin unterstützt, den Massenmörder, weil er in diesem Moment das kleinere Übel war, und obwohl sie ahnten, dass sie nach dem Sieg über Hitler gegen Stalin würden kämpfen müssen.

Den meisten Deutschen ist solches Denken zutiefst zuwider. Dieses Abwägen. Ist es nicht obszön, verschiedene Szenarien zu entwerfen: Wenn der eine gewinnt (Hitler), sterben soundsoviele Menschen, wenn der andere (Stalin), vermutlich einige weniger, und dafür entscheiden wir uns? Ist das nicht Barbarei? So barbarisch funktioniert Politik manchmal. Es kommt häufig darauf an, zwischen zwei Übeln das kleinere zu wählen, sich mit einem Schurken gegen den anderen zu verbünden. Wer solche Entscheidungen nicht treffen mag, kann eigentlich gar nichts tun.

Die historische Erfahrung – Auschwitz und Stalingrad – trennt die Deutschen von den Amerikanern, Briten, Franzosen und Russen, auch jetzt in der Irak-Krise. Wir stehen nur scheinbar mit den Franzosen Seite an Seite. Allein Deutschland ist bedingungslos gegen einen Irak-Krieg, auch dann, wenn die Vereinten Nationen ihn für richtig halten. Mit massiven Drohungen könnte man Saddam Hussein vielleicht zum Abrüsten zwingen. Wer den Frieden will, muss manchmal so tun, als sei er zum Krieg bereit. Aber die meisten Deutschen wollen in dieser Sache keine Uneindeutigkeiten, keine Taktik, keinerlei Politik. Deutschland will endlich, endlich gut sein. Hundertprozentig. Und wenn alles in Scherben fällt. Hätten wir, die heutigen Deutschen, 1943 einen Stalin unterstützt, gegen einen Hitler? Das ist leider gar nicht so sicher.

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